• vom 17.02.2018, 12:00 Uhr

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Die wahren Investoren




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Von Kurt Bayer


    Kurt Bayer ist Ökonom. Er war Board Director in Weltbank (Washington) und EBRD (London) sowie Gruppenleiter im Finanzministerium. Er bloggt unter https://kurtbayer.wordpress.com. Foto: apa/Edith Grünwald

    Kurt Bayer ist Ökonom. Er war Board Director in Weltbank (Washington) und EBRD (London) sowie Gruppenleiter im Finanzministerium. Er bloggt unter https://kurtbayer.wordpress.com. Foto: apa/Edith Grünwald Kurt Bayer ist Ökonom. Er war Board Director in Weltbank (Washington) und EBRD (London) sowie Gruppenleiter im Finanzministerium. Er bloggt unter https://kurtbayer.wordpress.com. Foto: apa/Edith Grünwald

    Ah, das große Aufatmen: Der Kurssturz der Börsen in den USA, Asien und Europa hat sich in der vergangenen Woche wieder gedreht, Kursanstiege waren wieder zu verzeichnen. In den Medien wurden Vergleiche mit dem Schwarzen Freitag der 1930er Jahre angestellt und verworfen, die Kommentatoren ergingen sich in wagemutigen Erklärungsversuchen, die Politiker atmeten auf, und "die Investoren", die Lenker, die Mover und Shaker des ökonomischen Weltgeschehens, erlitten nur Papierverluste von mehreren Billionen Dollar. War das wirklich alles?

    Man hätte glauben können, dass nunmehr endlich einmal die Systemfrage, die Sinnfrage über das Wirken und Unwirken der "Märkte" gestellt würde. Alle sind sich zwar einig, dass der Kurssturz "nichts mit der Wirtschaft zu tun hat, die ja fundamental gut läuft und erstmals seit Jahrzehnten in allen Kontinenten einen Aufschwung erfährt", aber niemand stellt die Funktion, die Exzesse und die Unsinnigkeit dieser Lenkinstitution in Frage.


    Dass seit Jahren die Börsengewinne ein Vielfaches der Expansion der Wirtschaften betragen, wird dümmlich als "Beweis" dafür angeführt, dass die Anlage in Aktien eben "profitabel" sei. Das erinnert an die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008, als alle kurzfristig plötzlich zu "Keynesianern" wurden, ein halbes Jahr später aber wieder ihr altes neoliberales Lied von den notwendigen "Hausaufgaben" und "Strukturreformen" grölten: Makroökonomie war einmal, die Interessen der "Investoren" gehen vor.

    Eine grobe Täuschung
    Allein der Begriff "Investoren" ist eine grobe Täuschung: Lange Jahrzehnte verstand man unter "Investoren" Unternehmer, die in Anlagen, Gebäude und Maschinen investierten und damit die Produktionskapazitäten ausweiteten, erneuerten oder neu gestalteten. Die heutigen "Investoren" sind hingegen primär Finanzspekulanten auf der Jagd nach den höchsten Renditen, die aber nur noch auf den Finanzmärkten zu erzielen sind.

    Die vom legendären früheren Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, geforderten 15 bis 20 Prozent jährliche Rendite sind in einer Wirtschaft, die real mit maximal 3 Prozent und nominell mit 4 bis 5 Prozent wächst, einfach nicht zu erzielen. Wird eine solche Rendite erzielt, beruht sie auf der Ausbeutung anderer Finanzinvestoren (oft der Einzelanleger) oder der Realwirtschaft. Die Finanzseiten der Zeitungen sind voll von Berichten über die Börsen, "wagemutige Firmenübernahmen" in Milliardenhöhe, volatile Finanzströme, die jeder tatsächlichen oder vermeintlichen Kursdifferenz nachjagen, "traden" und damit das Roulette weiter anfachen.

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    Dokument erstellt am 2018-02-16 16:26:27


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