• vom 08.03.2018, 11:57 Uhr

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Update: 08.03.2018, 13:30 Uhr

8. März

Kampftag statt zweiter Muttertag




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Von Julia Herr und Ines Erker


    Julia Herr ist Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Österreich (SJ) - © privat

    Julia Herr ist Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Österreich (SJ) © privat

    Ines Erker ist Frauensprecherin der Sozialistischen Jugend Österreich (SJ)

    Ines Erker ist Frauensprecherin der Sozialistischen Jugend Österreich (SJ)© privat Ines Erker ist Frauensprecherin der Sozialistischen Jugend Österreich (SJ)© privat

    Im Zuge des Frauentags am 8. März haben wir uns an einer kleinen Online-Recherche versucht und dazu die Schlagwörter "Frauentag 2018" auf Google eingetippt. Der erste Beitrag, der aufscheint, ist eine Werbeschaltung von ‚EMS- Workout’. Der Text: "Dank EMS Workout garantierte Bikinifigur zum Superpreis. Am 8. März minus 20% für Mädels." Stellvertretend für alle Mädels: Danke!

    Aber legen wir den Zynismus beiseite und wenden wir uns dem Problem zu: Der 8. März wird in breiten Teilen Österreichs als schlechter Mix aus Muttertag und Valentinstag begangen. Für das Blumengeschäft lohnt sich diese Tradition allemal: Männer sollen laut diversen Tipps aus dem Internet "außergewöhnliche Frauen mit Blumen inspirieren". Blumen B&B - so blinkt es einem in Pink auf der Homepage entgegen - hat am Frauentag extra von 07:00 bis 20:00 Uhr geöffnet. Bellaflora bietet mehr: Frauen können hier bis 21:00 Uhr beim Late Night Shopping am Weltfrauentag mitmachen. Dazu gibt’s gratis Sekt und Live Musik!

    Doch die Liste setzt sich fort: Douglas verschenkt, solange der Vorrat reicht, den ‚6-in-1 Nagellack von Anny’. Und DM wartet sogar mit Empfehlungen zum Frauentag für uns auf: beispielsweise ein "verwöhnendes Fußbad für alle Frauen, die auf High Heels durch den Alltag balancieren". Oder aber auch ein Rezept für einen Schokoladenkuchen, "für alle Fashionistas, die der Figur zu Liebe viel zu oft auf’s Dessert verzichten". Also liebe Fashionistas: Gönnt euch Kuchen! Zumindest einmal im Jahr!

    All diese Aufzählungen, die wahrscheinlich sogar gut gemeint sind, bedienen am Ende die ewig gleichen Bilder: Bikinifigur, Blumen, Nagellack und nur hin und wieder Schoko- und fertig ist das Klischee!

    Mit dem historischen Internationalen Frauentag hat all das nichts zu tun. Dieser wurde 1911 das erste Mal begangen. Über 20.000 Frauen gingen auf die Straße - ein so großer Aufmarsch für die Rechte der Frau fand erstmalig statt. Die bekannteste Forderung von damals war das Wahlrecht für Frauen. Viele weitere wurden jedoch ebenfalls gestellt: Arbeitsschutzgesetze, der 8-Stunden-Tag, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Einführung einer Sozialversicherung und die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs. Viele Forderungen von damals sind heute Gesetz, andere Forderungen wie faire Entlohnung sind auch nach über 100 Jahren Kampf noch weit von ihrer Umsetzung entfernt.

    Was bedeutet das jetzt für den 8.März im Jahr 2018? Es zeigt unmissverständlich auf, dass ein Blumenstrauß oder ein‚6-in1- Nagellack’ kein Ersatz für unsere Rechte sind! Damals ging man für den 8-Stunden-Tag auf die Straße - heute will uns die Regierung einen 12-Stunden-Tag aufdrücken. Auch der neue Familienbonus bringt zwar besserverdienenden Familien den besagten Bonus, alleinerziehende Frauen steigen aber schlechter aus. Kindererziehung, Altenpflege oder Haushalt sind noch immer Frauensache in Österreich. Die Teilzeitquote in Österreich ist deshalb im EU-Vergleich einer der Höchsten. Das spiegelt sich in niedrigen Gehältern und Pensionen wider.

    Darüber hinaus: Was wir an Errungenschaften für unveränderlich halten, kann schnell weg sein. Das Recht zu entscheiden, ob wir Kinder bekommen oder nicht, wurde hart erkämpft - heute schreiben Schwarz-Blau in ihrem Regierungsprogramm, es brauche "medizinische und soziale Beratungen vor geplanten Schwangerschaftsabbrüchen". Definiert sind diese nicht, blickt man jedoch nach Deutschland, kann man sich darunter Genaueres vorstellen: Dort müssen Frauen mühsame Beratungsgespräche über sich ergehen lassen, bevor sie einen "Stempel" für einen Abbruch bekommen.

    Im Jahr 1911 sagte die New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Rede, die Arbeiterinnen brauchen Brot, aber ebenso bräuchten sie Rosen. Interpretiert wird, dass nicht nur der Lohn, also das Brot, von Bedeutung ist, sondern auch eine menschenwürdige Arbeits- und Lebensumgebung. Das Zitat wurde später zum Lied und bei zig Frauenstreiks gesungen. Wir singen es bis heute und fordern Brot und Rosen. Die Rosen kann man heute als vieles interpretieren, durchaus auch als Respekt und Anerkennung. Deshalb möchten wir nicht der Wertschätzung von Frauen am 8. März entgegentreten. Vielmehr fordern wir: Verzichtet auf dumme Klischees und rückt endlich unser Brot heraus!




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-03-08 11:59:01
    Letzte Änderung am 2018-03-08 13:30:56


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