• vom 19.03.2018, 09:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 19.03.2018, 12:06 Uhr

Gastkommentar

Atlantische Bruchlinien




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Können Steuern vermeidende Stiftungen altruistisch sein?
1971 hat Singer diesen Essay unter dem Eindruck von neun Millionen mittellosen Flüchtlingen in Ostbengalen (heute Bangladesch) geschrieben. Er kam damals zur Erkenntnis, dass "die reicheren Staaten durchaus in der Lage [wären], genug Hilfe zu leisten, um deren Leiden auf ein Mindestmaß zu reduzieren. [...] Unglücklicherweise sind die notwendigen Entscheidungen jedoch nicht getroffen worden."

Mit seinem Essay wollte Singer Menschen erreichen, "die dem Effektiven Altruismus einen wichtigen Platz in ihrem Leben eingeräumt haben". Dazu zählte er namentlich Bill Gates und Warren Buffet, die große Beträge ihres Vermögens in ihre Stiftungen eingebracht haben. Ich halte es für möglich, dass einzelne Projekte der Big Spender tatsächlich den Ärmsten dieser Welt helfen. Doch ich möchte bezweifeln, dass Stiftungen von Menschen, die unter anderem deshalb übermenschlichen Reichtum angehäuft haben, weil sie ihr Geld auf der Flucht vor Steuern ständig über den ganzen Globus jagen, durch ihre Spenden zu moralischen Institutionen werden oder gar dem Wesen nach altruistisch sein können.

Wie ein roter Faden zieht sich die Aufforderung, anständig zu spenden, auch durch das Buch "Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt" von Richard H. Thaler. "Er gilt als einer der weltweit führenden Verhaltensökonomen", schreibt Wikipedia über ihn. Konkret empfiehlt der Nobel-Preisträger die "Give More Tomorrow"-Methode, die einfach darin besteht, via Dauerauftrag einer wohltätigen Organisation zu spenden und den Betrag automatisch jährlich zu erhöhen. Thaler ist überzeugt, dass damit "deutlich mehr Geld für bedürftige Menschen zusammenkäme und man den zerstreuten Spendern gleichzeitig einen Gefallen erweisen könnte, da sie ja schließlich gerne geben wollen, es aber regelmäßig vergessen".

Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips
Dass Thaler auch staatliche Lenkungsmanöver (insbesondere in der Bildungs- und Gesundheitspolitik) für sinnvoll hält, rückt ihn aus US-Sicht in die Nähe des Sozialismus - im Amerika LaPierres und Trumps wieder ein Codewort für das Böse schlechthin oder zumindest den Vorhof der Hölle. Mit dem Outing, dass "dies ein Buch über den libertären Paternalismus ist", lehnt sich Thaler weit aus dem Fenster, doch er relativiert umgehend: "Das heißt nicht, dass die Regierung den Menschen sagen soll, wen sie heiraten oder was sie studieren sollen." Was in Europa ja gang und gäbe wäre - so die Implikation dieser tiefschürfenden Klarstellung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-15 15:17:50
Letzte ─nderung am 2018-03-19 12:06:15



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