• vom 17.05.2018, 16:25 Uhr

Gastkommentare

Update: 24.05.2018, 14:21 Uhr

Gastkommentar

Ein Experiment und sein blutiges Ende




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Von Heinz Fischer

  • 50 Jahre Prager Frühling: Ein bisschen Demokratie oder ein bisschen Diktatur kann es nicht geben.

Das Gedenk- und Jubiläumsjahr 2018 bezieht sich im Besonderen auf den 100. Geburtstag der Republik Österreich und den 80. Jahrestag des "Anschlusses" an Hitler-Deutschland im März 1938. Darüber hinaus erinnern wir uns heuer auch an den 70. Jahrestag der Menschenrechtsdeklaration von 1948 und an den sogenannten Prager Frühling 1968.

Als wichtigstes Datum des Prager Frühlings wird meistens der 21. August 1968 gesehen, also jener Zeitpunkt, als Truppen der Sowjetunion und anderer Staaten des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakischen Republik einmarschierten, Prag besetzten und dem Prager Frühling ein brutales Ende bereiteten. Aber die faszinierendsten und spannendsten Ereignisse des Prager Frühlings, die man mit gutem Gewissen als den Anfang vom Ende der kommunistischen Diktaturen in Europa bezeichnen kann, fanden in den Monaten vor dem 21. August statt - ganz besonders im Frühling 1968, wodurch auch der Name "Prager Frühling" entstanden ist.


Schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1967 gab es wachsende Kritik an den herrschenden Zuständen in der tschechoslowakischen Öffentlichkeit, Studentenproteste und wachsende Spannungen im Zentralkomitee. Die Autorität von Staats- und Parteichef Antonín Novotný war im Sinken. Am 4. Jänner 1968 wurde Novotný als Generalsekretär der KPČ vom ersten Sekretär der kommunistischen Partei der Slowakei Alexander Dubček abgelöst, der sich den Ruf eines "Reformers" erarbeitet hatte.

Bemerkenswerte Reformen
Der Führungswechsel markierte tatsächlich den Auftakt zu einem bemerkenswerten Reformkurs. Am 5. April 1968 wurde ein neues Aktionsprogramm der kommunistischen Partei vorgestellt und drei Tage später Ministerpräsident Jozef Lenárt durch den Reformer Oldřich Černík ersetzt. In der Wirtschaftspolitik gewann Ota ik an Einfluss, der ein Zurückdrängen der Planwirtschaft und eine Stärkung des Marktes forderte. Der tschechoslowakische Schriftstellerverband wurde immer deutlicher zum mutigen Motor und Sprachrohr der Reformbewegung, die in den kommunistischen Parteien der anderen Ostblockstaaten mit wachsendem Misstrauen beobachtet wurde.

Österreich hatte damals einen sehr erfahrenen, mutigen und sachkundigen Diplomaten als Gesandten in Prag, nämlich den späteren Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger, der nach der Wahl Dubčeks zum Generalsekretär der KPČ zunächst einen vorsichtig positiven Bericht nach Wien schickte, in dem es unter anderem hieß: "Alexander Dubček genießt großes Vertrauen in der ČSSR, nicht nur bei seinen slowakischen Landsleuten, sondern auch bei den Tschechen, aber es wird enorm viel von ihm erwartet: mehr individuelle Freiheit, Reformen, eine bessere Wirtschaft, ein größerer Spielraum für die Kulturschaffenden etc." So viel Vertrauen sei auch eine große Bürde, schrieb Kirchschläger und setzte fort: "Dubček wird es daher sehr schwer haben, die vielen Hoffnungen, die mit seiner Person verbunden sind, nicht zu enttäuschen." Ich habe mich später - nach 1989 - oft mit Dubček über das Jahr 1968 und die großen Probleme der damaligen Zeit unterhalten, und es ist eine wirklich gute Freundschaft mit ihm entstanden. Ich war auch bei seinem 70. Geburtstag im Jahr 1991 eingeladen, die Geburtstagsrede zu halten und mit ihm seine Geburtstagstorte anzuschneiden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-17 16:30:55
Letzte Änderung am 2018-05-24 14:21:56



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