• vom 31.05.2018, 17:13 Uhr

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Update: 04.06.2018, 15:25 Uhr

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Haben die keine anderen Sorgen?




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Von Christian Ortner

  • Plastikverbote: Wie es die EU-Kommission schafft, maximalen Ärger bei minimalem Ergebnis zu produzieren.

Christian Ortner.

Christian Ortner. Christian Ortner.

Ups, sie haben es schon wieder gemacht.

Da schwören die Granden der Europäischen Union bei jeder sich bietenden Gelegenheit feierlich, künftig auf regulatorische Exzesse zu verzichten, sich nicht mehr dauernd um den Farbton von Pommes frites, die Wattzahl von Staubsaugern oder die Machart von Glühbirnen zu kümmern, sondern nur noch um wirklich fundamentale Probleme gesamteuropäischer Dimension - und dann das.


Nach tausenden Arbeitsstunden hochbezahlter Experten will die EU-Kommission nun den Europäern - Trommelwirbel! - den Gebrauch von Plastiktrinkhalmen, Wattestäbchen, Partygeschirr und anderen Kunststoffprodukten verbieten.

Und - Überraschung! - auch eine neue Steuer auf die Verwendung von vorerst noch gnadenhalber geduldeten Plastikgegenständen steht zur Debatte. Weil Europas Konsumenten ja bekanntlich viel zu wenig Steuern zahlen.

Klar, dass derartige Vorschriften einem dringenden Bedürfnis des in Europa lebenden Teils der Menschheit entspringen: Wir haben ja in Zeiten von Brexit, einer drohenden neuen Euro-Krise dank Italien, anschwellenden Migrationsströmen, den Handelskriegen von US-Präsident Donald Trump und anderen derartigen Petitessen gerade keine anderen Sorgen.

Nun stimmt ja ganz grundsätzlich, was der EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger als Begründung dafür lieferte: "Plastik ist das neue Umweltproblem. (. . .) Über die Weltmeere gelangt es in die Nahrungskette, so nehmen wir täglich kleinste Plastikpartikel zu uns."

Blöd ist dabei nur, dass die EU zur Lösung des Plastikproblems ungefähr so gut geeignet ist wie der ÖAMTC zur Sicherung des Weltfriedens.

Der deutsche Wissenschaftspublizist Johannes Kaufmann hat sich jüngst die Fakten angeschaut: "Der überwältigende Teil des Plastiks gelangt nicht über Elbe, Rhein und Weser in die Weltmeere, sondern über Jangtse, Mekong und Ganges. (. . .) Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig hat die zehn Flüsse ermittelt, die am meisten zum Plastikproblem beitragen. Es sind dies: Jangtse, Gelber Fluss, Hai He, Perlfluss, Amur, Mekong, Indus, Ganges, Niger und Nil. Was auffällt: Acht dieser Flüsse liegen in Asien, zwei in Afrika - und kein einziger innerhalb der EU."

Es bleibt Herrn Oettingers Geheimnis, warum also jene Plastikpartikel, die offenbar die Europäer ratzfatz auszurotten drohen, signifikant weniger werden sollen, wenn ausgerechnet jener Kontinent plastikmäßig abstinent wird, der den kleinsten Beitrag zu diesem Problem leistet, während all jene, die es tatsächlich verursachen, nicht daran denken, daran etwas zu ändern. Nicht ganz zu Unrecht diagnostiziert Kaufmann daher "Symbolpolitik der dümmsten Sorte".

Aber nicht ohne Folgen: Ziemlich viele Bürger der Europäischen Union werden sich wohl grün und blau ärgern, dass sich "Brüssel" wieder einmal dreist in ihre Alltagsgewohnheiten einmischt und ihnen vorschreibt, mit welchem Trinkhalm sie künftig ihr Gin-Tonic zu nuckeln haben. Jede Menge Ärger auf sich zu ziehen, ohne damit irgendeine nennenswerte Wirkung zu erzielen - auf so eine Idee muss man auch erst einmal kommen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 17:22:08
Letzte Änderung am 2018-06-04 15:25:11


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