• vom 07.06.2018, 13:54 Uhr

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Update: 07.06.2018, 15:02 Uhr

Gastkommentar

Die Schweiz diskutiert und stimmt ab, Österreich schläft




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Von Gerhard Kohlmaier

  • Das Vollgeld-Referendum am 10. Juni rückt unser krisenanfälliges Geldsystem in den Blickpunkt.

Gerhard Kohlmaier ist in der ÖGB-Steuerinitiative aktiv (www.steuerini.at).

Gerhard Kohlmaier ist in der ÖGB-Steuerinitiative aktiv (www.steuerini.at). Gerhard Kohlmaier ist in der ÖGB-Steuerinitiative aktiv (www.steuerini.at).

Geld beziehungsweise der Wert des Geldes stützt sich überwiegend auf Vertrauen. Egal ob Metallgeld, Papiergeld oder Buchgeld - wir alle vertrauen darauf, dass es auch morgen noch einen Wert besitzt und wir uns dafür etwas kaufen können.

Wie schnell dieses Vertrauen erschüttert werden kann, zeigen unzählige Währungs- und Finanzkrisen, angefangen von der Europäischen Währungskrise 1992, der Mexiko-Krise 1994, der Asien-Krise 1997, der globalen Finanzkrise 2008 bis hin zu staatlichen Krisen wie beispielsweise in Zypern 2013 oder derzeit in der Türkei.


Laut IWF gab es von 1970 bis 2011 weltweit insgesamt 218 Währungskrisen, 147 Bankenkrisen und 66 Staatsschuldenkrisen, also ein Krisenszenario, das dazu führt, dass ein Staat seine Schulden nicht mehr finanzieren kann.

Aber worauf stützt sich dieses Vertrauen in den Geldwert? Auf die Märkte, die Banken, den Staat? In letzter Konsequenz wohl auf den Staat, wie vor allem die Finanzkrise gezeigt hat. Märkte und Banken sind auf Gewinn ausgerichtet und orientieren sich an einem grenzenlosen Wachstum, welches es in Wirklichkeit nicht gibt. Dabei werden Gewinne privatisiert, also eingesteckt, Verluste aber verstaatlicht, also dem Steuerzahler umgehängt.

Die ungeheuren Geldmengen, die hier in Umlauf gerieten, sind das Resultat einer Geldschöpfung durch die Banken selbst. Sie erzeugen Geld aus dem Nichts, um damit selbst zu spekulieren oder Kredite zu vergeben. In Europa sind etwa 84 Prozent der Geldmenge kein echtes Geld, also kein direktes Zahlungsmittel, sondern Buch- beziehungsweise Giralgeld. Nur ein sehr geringer Teil dieses Geldes kann von den Banken in Echtgeld umgewandelt werden, weil sie selbst ja kaum über solches verfügen. Daher würde auch die gleichzeitige Auszahlungsforderung sehr vieler Bankkunden ihr Sparbuch oder Gehaltskonto betreffend zum Kollaps der Banken und des Systems führen. Das Geld auf dem Konto würde sofort gesperrt werden, denn interessanterweise ist dessen Eigentümer nicht der Kunde, sondern die Bank. Auch die sogenannten Einlagensicherungen des Staates könnten so einen Währungszusammenbruch niemals auffangen.

Die Banken selbst sind sich der Gefahr ihrer Machenschaften selbstverständlich bewusst, daher wickeln sie ihren eigenen bankeninternen Geldverkehr mit Echtgeld ab und greifen dabei auf ihre (echten) Reserven zurück. Nur den Kunden gegenüber arbeiten sie überwiegend mit Buchungsgeld, da das Risiko dafür letztlich der Kunde selbst trägt und nicht die Bank.

Was liegt also näher, als über dieses krisenanfällige Geldsystem nachzudenken? Noch dazu, wenn man bedenkt, dass Regierungen und Banken aus der Finanzkrise so gut wie nichts gelernt haben und die nächsten Systemkrisen bevorstehen. Genau diese wichtige Diskussion geschieht derzeit in der Schweiz, wo die Bevölkerung am 10. Juni im Rahmen einer Volksabstimmung über die Einführung eines Vollgeldsystems entscheidet. Im Wesentlichen beruht dieses darauf, dass Geld einzig und allein durch die Nationalbank geschöpft werden kann und diese eine Kontrolle über die Geldmenge hat. Das hätte auch zur Folge, dass alles im Umlauf befindende Geld, auch jenes auf den Bankkonten, echtes Geld, also ein Zahlungsmittel würde.

Wie gesagt: Die gerade in Geldfragen für konservativ gehaltene Schweiz lässt die Bevölkerung per Volksentscheid darüber abstimmen, ob die Regierung einen Wandel im Geldsystem vollziehen soll, der es weniger krisenanfällig machen würde und im Sinne eines Gemeinwohles, aber auch des einzelnen Bürgers wäre. In Österreich wird nicht einmal darüber diskutiert, und zukunftsweisende Entwicklungen werden wieder einmal verschlafen. Schade!




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 14:01:15
Letzte Änderung am 2018-06-07 15:02:14


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