• vom 18.06.2018, 16:41 Uhr

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Die NS-Propaganda wirkt immer noch




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Von Andreas Kresbach

  • Die Rolle Kurt Schuschniggs beim "Anschluss" 1938 sollte endlich weltanschaulich neutral und sachlich beleuchtet werden.

Andreas Kresbach ist Jurist im Öffentlichen Dienst.

Andreas Kresbach ist Jurist im Öffentlichen Dienst.© privat Andreas Kresbach ist Jurist im Öffentlichen Dienst.© privat

Am 28. Mai 1938 wurde der am 12. März von Nazi-Deutschland unter Androhung des Einmarsches zum Rücktritt gezwungene österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg durch die neuen NS-Machthaber in der Wiener Gestapo-Zentrale in Haft genommen. Nach einigen Wochen demütigender Isolationshaft am Morzinplatz, während der der abgesetzte Regierungschef nicht einmal zur eigenen Hochzeit gehen durfte, kam er Ende Oktober 1939 nach München in Gestapo-Haft und war schließlich von Dezember 1941 bis Februar 1945 mit anderen Prominenten im KZ Sachsenhausen als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers.

Nach der Gestapo-Haft, für ihn die schlimmste Zeit, konnte der Ex-Kanzler die Zeit im KZ immerhin in einem eigenen Haus mit seiner Frau verbringen, musste allerdings für diese Kosten auch noch bezahlen. Außerdem musste sich Schuschnigg wohl andauernd in Lebensgefahr wähnen, und zwar bis Anfang Mai 1945, als er mit einer Gruppe prominenter Geiseln, die in der Gewalt der SS nach Südtirol gebracht worden waren, in der Nähe von Toblach in einer dramatischen Aktion von Soldaten der Wehrmacht befreit wurde.


© Archiv © Archiv

Nach seiner Demission am 12. März 1938 hatte Schuschnigg jedenfalls nicht von dem Angebot Gebrauch gemacht, politisches Asyl in der französischen Botschaft zu beantragen oder gleich ins Ausland zu flüchten, wofür es wohl mehr als triftige Gründe gegeben hätte. Der Bundeskanzler, der seit Jahren und in den letzten Wochen mit dem Mut der Verzweiflung für die immer stärker bedrohte Unabhängigkeit Österreichs kämpfte, hielt es nicht für angemessen, den untergegangenen Staat im Stich zu lassen.


Dies war er nicht nur seinem militanten Patriotismus schuldig, sondern auch dem Großteil der Österreicher, die am 13. März 1938, als die deutsche Wehrmacht in unser Land einmarschierte, deprimiert und verängstigt zu Hause saßen. Schließlich war ja die von Schuschnigg - leider viel zu spät - angesetzte und dann unter Drohungen Deutschlands abgesagte Volksbefragung für Österreichs Unabhängigkeit, für die damals Umfragen und sowohl die Nazis als auch etwa der US-Geheimdienst eine klare Mehrheit von 70 Prozent für den Weiterbestand Österreichs vorhersagten, für das NS-Regime der unmittelbare Anlass für den gewaltsamen "Anschluss".

Auch die erst unter großem Druck auf Bundespräsident Wilhelm Miklas erzwungene Beauftragung des heimischen NS-Statthalters mit der Regierung und letztlich dessen Weigerung, das "Anschluss"-Gesetz zu unterschreiben, weshalb dieser eben nicht in verfassungsmäßiger Kontinuität und, wie die Nazis es darstellten, als Ausdruck des "freien Willen des Volkes" erfolgte, sollte nicht unerwähnt bleiben. Die den "Anschluss" an Nazi-Deutschland bejubelnde Menge auf dem Heldenplatz als alleinige Wirklichkeit zu sehen, heißt dagegen, heute noch auf die Sprachregelung der NS-Propaganda hereinzufallen.

Bemühen um Eigenständigkeit
Eine umfassende Beurteilung der Ereignisse von 1938 und der Zeit davor müsste, bei allen demokratischen Defiziten und großen politischen Fehlern des autoritären Ständestaates, wohl auch die jahrelangen Bemühungen der damaligen Regierung um einen eigenständigen Weg Österreichs und die Bildung einer nationalen Identität würdigen. Mit dem Abstand von 80 Jahren wäre es hoch an der Zeit, jenseits von traditionell gepflegten Ressentiments zwischen den politischen Lagern einen differenzierten Blick auf die Situation vor dem "Anschluss" zu werfen. Einige Fragen wären es im Sinne einer Versöhnung mit der Geschichte dieser bis heute konfliktbeladenen Zeit jedenfalls längst wert, vorurteilsfrei und ohne einseitige Schuldzuweisungen geklärt zu werden. Etwa, warum es nicht zu einem rechtzeitigen Zusammengehen der Regierung mit den Sozialdemokraten kam, inwiefern die Politik des Ständestaates für einen Gutteil der Bevölkerung nicht überzeugend war und was allzu viele Leute zu den Nazis getrieben hat.

Zu diesen Hintergründen und der Rolle Schuschniggs wäre etwa ein Forschungsauftrag lohnend, damit das Gedenkjahr nicht mit der stereotypen, meist politisch gefärbten Sicht auf die Ereignisse 1938 vorübergeht und dabei ungewollt auch die NS-Propaganda nachwirkt. Dass dies leider immer noch so ist, zeigen manche TV-Dokus, in denen Schuschnigg und seine Regierung mitunter ähnlich spöttisch abgekanzelt werden ("Hier kommt Kurt") wie damals von den NS-Propagandisten ("Der Kurt ist furt"). Ein unbeabsichtigt ähnlicher Tonfall, der äußerst bedenklich stimmt. Eine weltanschaulich neutrale und sachliche Sicht auf 1938 wäre überfällig. Vielleicht im neuen "Haus der Geschichte?"

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Dokument erstellt am 2018-06-18 16:49:38


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