• vom 27.06.2018, 17:02 Uhr

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Update: 29.06.2018, 12:37 Uhr

Gastkommentar

Runder Geburtstag für einen Mythos




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Von Herbert Hutar

  • Vor 70 Jahren unterzeichnete Österreich das Hilfsabkommen mit den USA namens Marshall-Plan - ein Muster für heutige Entwicklungspolitik?

Herbert Hutar war Wirtschaftsjournalist bei der "Presse" und im ORF.

Herbert Hutar war Wirtschaftsjournalist bei der "Presse" und im ORF. Herbert Hutar war Wirtschaftsjournalist bei der "Presse" und im ORF.

Immer wieder wird in schwierigen wirtschaftlichen und politischen Fällen nach einem "Marshall-Plan" für Länder oder ganze Regionen gerufen, etwa für Afrika, wie nach einem Wundermittel, um geordnete und lebenswerte Zustände zu schaffen. Denn der Marshall-Plan war ein wahrer Raketentreibsatz für den Wiederaufbau in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, er wurde zum Mythos.

Der Grundgedanke des "European Recovery Program" (ERP), so der offizielle Name, war es, den Wiederaufbau aus eigener Kraft der Teilnehmerstaaten zu fördern. US-Außenminister George C. Marshall betonte 1947, ein Plan für Europas Wiederaufbau sei nicht Sache der USA. "Das ist Sache der Europäer selbst. Unsere Rolle sollte darin bestehen, den Entwurf eines europäischen Programms zu fördern und später zu unterstützen." Dies zwang auch frühere Kriegsgegner wie Deutschland und Frankreich an einen Tisch. Es folgten bilaterale Verträge der 18 meist hochindustrialisierten Teilnehmerstaaten mit den USA. Bedingung war die Marktöffnung für US-Waren ebenso wie die Liberalisierung des Außenhandels in Europa. Die Empfänger der Hilfsgüter, Unternehmen und Regierungen, mussten detaillierte Pläne vorlegen, diese von US-Stellen genehmigen lassen und dann genau Rechnung legen.


Österreich unterzeichnete das ERP-
Abkommen am 2. Juli 1948 und erhielt bis 1952 aus US-Produktion Waren um 679 Millionen Dollar geschenkt: Getreide, Speiseöle und Fette, Maschinen (Stichwort: "Caterpillar"), Baumwolle, Wolle, Chemikalien, Kohle, Tabak. Diese Güter wurden für Schilling gekauft. Die Einnahmen wanderten auf Sperrkonten der Oesterreichischen Nationalbank. Dies war das Kernstück der bis heute geförderten ERP-Kredite. Nach zwei Jahren Marshall-Plan, also 1950, gab es keinen Schwarzmarkt mit Lebensmitteln mehr. Die Inflation sank bis 1952 von 103 auf 17 Prozent. Die Wirtschaft wuchs um rund 11 Prozent pro Jahr, die Arbeitslosigkeit schwankte zwischen 5 und 9 Prozent.

Nutznießer waren die Elektrizitätswirtschaft, die öffentliche Hand, etwa für den Straßenbau, die Landwirtschaft und die Industrie. Österreich lag bei der Zuteilung von ERP-Mitteln pro Kopf weit vorn, wegen des extremen Hungers nach dem Krieg, und weil es als "befreites Land" und nicht als "feindlicher Staat" eingestuft wurde.

Die USA nutzten mit dem Marshall-Plan kriegsbedingte Überkapazitäten der eigenen Wirtschaft und verfolgten andererseits geopolitische Ziele. Stalin verbot den Osteuropäern die Teilnahme am ERP, der Eiserne Vorhang senkte sich über Europa. Zuvor allerdings mussten die US-Bürger erst davon überzeugt werden, mit ihrem Steuergeld frühere Feinde zu unterstützen. Der 14 Milliarden Dollar schwere Marshall-Plan (nach heutigem Geldwert etwa 130 Milliarden Dollar) wurde immer politisch beurteilt. In Westeuropa wurde er gefeiert, im Ostblock kritisiert. In Italien und Frankreich versuchten kommunistische Gewerkschaften, durch Streiks das ERP-Programm zu torpedieren. Vielen gilt der Marshall-Plan aber als erster Anstoß zur europäischen Integration. Eine Wiederholung anderswo scheint nur schwer denkbar.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-27 17:07:39
Letzte Änderung am 2018-06-29 12:37:39


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