• vom 31.07.2018, 11:43 Uhr

Gastkommentare

Update: 31.07.2018, 13:30 Uhr

Gastkommentar

Arbeitszeitbeschränkung ist Lebenszeitverlängerung




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (25)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Martin Risak

  • Der 12-Stunden-Tag und die Frage der gerechten Verteilung von selbstbestimmter Lebenszeit innerhalb einer Gesellschaft.

Martin Risak ist ao. Universitätsprofessor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien und unter anderem Vorsitzender des Senates II der Gleichbehandlungskommission. Er berät unter anderem den Europäischen und den Österreichischen Gewerkschaftsbund.

Martin Risak ist ao. Universitätsprofessor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien und unter anderem Vorsitzender des Senates II der Gleichbehandlungskommission. Er berät unter anderem den Europäischen und den Österreichischen Gewerkschaftsbund.© privat Martin Risak ist ao. Universitätsprofessor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien und unter anderem Vorsitzender des Senates II der Gleichbehandlungskommission. Er berät unter anderem den Europäischen und den Österreichischen Gewerkschaftsbund.© privat

Der Begriff der Gerechtigkeit ist so unglaublich vielschichtig, dass er, wird nicht behutsam und differenziert damit umgegangen, bestens für geradezu alle Zwecke instrumentalisiert werden kann. Gerechtigkeit ist so zu einem politischen Kampfbegriff geworden, der als Superwaffe immer dann zum Einsatz kommt, wenn hohe Emotionalisierung bei geringer Konkretisierung gefragt ist. Dann geht es häufig um "alte" Werte und um "neue" Gerechtigkeit.

Zumeist steht dabei nicht - wie in der klassischen antiken Philosophie - die Frage des gerechten Handels im Sinne eines tugendhaften Lebens, sondern die Frage der sozialen Gerechtigkeit im Vordergrund: Wie kann eine ausreichende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden? Dieser Aspekt spielt in der politischen Diskussion die Hauptrolle wobei es um die Zuteilung materieller Ressourcen wie Einkommen und Vermögen geht. Darüber wurde schon viel und trefflich gestritten. Deshalb will ich mich im Weiteren mit der aktuellsten und wohl auch am härtesten diskutierten Gerechtigkeitsthematik der vergangenen Wochen auseinandersetzen: der Arbeitszeit und deren Beschränkung beziehungsweise Ausweitung.


© Illustration: stock.adobe.com /Gualtiero Boffi © Illustration: stock.adobe.com /Gualtiero Boffi

Bei der Arbeitszeit geht es letztlich darum, wie viel Lebenszeit eines Menschen selbstbestimmt gelebt werden kann und wie viel an einen anderen verkauft werden muss beziehungsweise darüber anderweitig fremdbestimmt wird. Das hat einen individuellen Aspekt, der die Frage betrifft, wie viel Zeit Menschen zur freien Verfügung haben sollen. Dabei spielt vor allem die Dauer der Arbeitszeit eine wesentliche Rolle, da diese schon aufgrund der Definition des Arbeitsverhältnisses als "Arbeit in persönlicher Abhängigkeit" wohl das beste Beispiel für fremdbestimmte Zeit ist. Daneben gibt es natürlich auch andere nicht-autonome Zeiten, da ja auch die Wohnung gereinigt und Kinder sowie Pflegebedürftige versorgt werden müssen.


Lange Arbeitszeit heißt: noch weniger Zeit zum Leben übrig
Es geht also nicht nur um die Arbeitszeit an sich, sondern um jene Lebenszeit, über die nicht frei verfügt werden kann. Wenn aber schon die Arbeitszeit sehr lang ist, dann bleibt noch weniger Zeit zum Leben übrig - es sei denn, es können andere dazu bezahlt werden, für einen zu kochen, zu putzen und die Kinder zu betreuen. Da Menschen heutzutage nach ihrem Verständnis nicht zur Erwerbs- und Sorgearbeit leben, erscheint es ihnen aber wichtig, dass auch "Zeit zum Leben" übrig bleibt. Die "Work-Life-Balance" muss eben stimmen. Arbeitszeitbeschränkung ist daher Lebenszeitverlängerung - je weniger gearbeitet wird, desto mehr selbstbestimmte Zeit bleibt übrig.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-31 11:53:20
Letzte Änderung am 2018-07-31 13:30:59


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Macht der Bilder
  2. Unsere Nachbarn
  3. Anklage gegen Orbanistan
  4. Salzburger Brexit-Harmonie
  5. Schwarz-blaue Paradoxie
Meistkommentiert
  1. Kümmern statt kämpfen
  2. Gute Zeit für echte Politiker
  3. Anklage gegen Orbanistan
  4. Die Macht der Bilder
  5. Abgang auf Raten


Werbung