• vom 09.08.2018, 14:31 Uhr

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Update: 10.08.2018, 15:17 Uhr

EU

Europas digitaler Penisneid




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Von Christian Ortner

  • Unser Problem sind nicht böse US-Internetkonzerne, sondern das Fehlen solcher Giganten in der EU.

Christian Ortner.

Christian Ortner. Christian Ortner.

Die großen US-Digitalkonzerne wie Apple, Amazon, Google oder Facebook werden zwar von Europas Konsumenten überaus geschätzt - praktisch jeder nutzt das eine oder andere ihrer Produkte -, von der Politik hingegen regelmäßig mit Vorwürfen und auch ganz handfesten Strafen überhäuft. Erst vor wenigen Wochen wurde etwa Google zu happigen vier Milliarden Euro verknackt, wegen angeblichen Missbrauchs seiner Marktmacht. Mal ist es so etwas, mal vermeintliche Steuerverkürzung, mal regulatorische Verfehlungen - Europas Politik findet mehr oder weniger dauernd Anlässe, um den digitalen Multis am Zeug zu flicken.

Vulgärpsychologisch analysiert dürfte es sich dabei freilich vor allem um einen klassischen Neidkomplex handeln. Denn Europas - und auch Österreichs - Problem ist nicht die Existenz dieser US-Konzerne samt allfälligem Fehlverhalten, sondern viel eher das Faktum, dass es kein Euro-Google, Euro-Facebook oder Euro-Apple gibt. In der Heimat Sigmund Freuds könnte man diagnostizieren: Europas digitaler Penisneid, sozusagen.


Dabei geht es nicht primär um seelische Befindlichkeiten, sondern viel eher um die Frage, ob wir Europäer unseren Wohlstand langfristig absichern können. Eine Grundvoraussetzung dafür war historisch stets, in jenen Industrien stark und kompetitiv zu sein, in denen die wirtschaftliche Intensität am höchsten war. Im 19.Jahrhundert war das Eisen und Stahl, später die Autoindustrie, heute ist es die Digitalwirtschaft.

Was das bedeutet, zeigt ein Vergleich des Gewinnes, der pro Beschäftigtem erzielt wird. Bei Österreichs Top-Unternehmen wie Voest oder Red Bull liegt er in der Gegend von 20.000 bis 40.000 Euro - bei Apple sind es rund 360.000 und bei Facebook gar 500.000 Euro. Daran erkenne man den Unterschied zwischen der Volkswirtschaft des 20. und der Ökonomie des 21. Jahrhunderts, analysiert der deutsche Wirtschaftspublizist Gabor Steingart. "Die Digitalwirtschaft liefert ökonomische Energie in höchster Konzentration. Eine Zone höchster wirtschaftlicher Intensität ist entstanden, die weitgehend ohne Stofflichkeit auskommt. Ihr Nukleus strahlt feuerrot. Die industriellen Kerne des 20. Jahrhunderts verlieren ihren Energiegehalt."

Genau das ist das Problem der Europäer. Dass es dabei nicht nur um Größe geht, zeigt zum Beispiel Israel vor. Das Land mit nur wenig mehr Einwohnern als Österreich ist zur global anerkannten digitalen Supermacht herangewachsen und wird bald sogar ein unbemanntes Raumschiff zum Mond schicken - noch dazu privat finanziert. Ein nicht nur hierzulande völlig unvorstellbares Unterfangen.

Es wird für die Europäer verdammt schwer sein, da auch nur annähernd aufzuholen. Ihr weit verbreiteter Hochmut gegenüber Technik, ihre Skepsis gegenüber Höchstleistungen und Eliten, ihre (auch) demografisch bedingte zunehmende Risikoaversion - all das und noch viel mehr ist nicht eben der Nährboden, auf dem ein Euro-Google oder ein Euro-Apple gedeihen könnten.

Immerhin bleibt uns noch die Möglichkeit, aus diesem wunderschönen Kontinent ein riesiges Venedig zu machen, das wir dann an den Disney-Konzern verpachten und in dem wir Kaffee servieren.




Schlagwörter

EU, USA, Wirtschaft, Technologie, Konkurrenz

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 17:41:26
Letzte Änderung am 2018-08-10 15:17:41


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