• vom 10.08.2018, 12:52 Uhr

Gastkommentare

Update: 10.08.2018, 15:18 Uhr

Gastkommentar

Wissen allein reicht nicht




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (18)
  • Drucken
  • Leserbrief





Das "Glaubwürdigkeitsdilemma" verweist auf Motivationsprobleme, wenn Wirtschaft und Politik ambivalente Botschaften senden. Solange tolle Urlaubserlebnisse mit Billigflugangeboten und neue Autos mit der "Freude am Fahren" in großformatigen Hochglanzwerbeinseraten angepriesen werden, fällt es schwer, sich klimaschonend zu verhalten. Wenig glaubwürdig ist auch eine Politik, die zwar von Klimaschutz redet, aber vor konsequenter Umsteuerung zurückschreckt.

Die Komplexitäts- und die Nahbereichsfalle tragen das ihre dazu bei, dass es Klimapolitik schwer hat. Wir übernehmen nur Verantwortung für Handlungen, deren Folgen wir unmittelbar spüren. Der Großteil der Autofahrer hält sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen oder das Alkoholverbot, um das Risiko von Unfällen zu minimieren. Aber nur wenige lassen das Auto stehen oder richten ihr Leben überhaupt autofrei ein, um den Klimawandel zu bremsen. Dass in Österreich die Hagelversicherungen zu den vehementesten Warnern vor dem Klimawandel gehören, liegt daran, dass sie die Schäden durch zunehmende Wetterextreme in ihrer Bilanzen spüren. Dass sie das in Form erhöhter Versicherungsbeiträge an die Bauern weitergeben (müssen) und diese sie in erhöhten Lebensmittelpreisen an die Konsumenten, sehen wir freilich nicht.

Der Klimageograf Mathis Hampel kritisiert in diesem Zusammenhang den abstrakten CO2-Diskurs und spricht von der "globalen CO2-Falle". Weil das Klima der Verortung entzogen und nur noch als abstraktes, in Computermodellen berechnetes System behandelt und diskutiert werde, falle es schwer, politisch mit Klimaschutz zu punkten. Für die Menschen sei "Klima" immer noch "das Wetter in unserer Erinnerung", das abstrakte Zwei-Grad-Ziel schaffe es daher nicht, Mehrheiten für eine Klimaschutzpolitik zu mobilisieren, so Hampel im neuen Jahrbuch des "Forum Umweltbildung". Anders formuliert: Menschen fürchten sich nicht vor zu viel CO2 in der Atmosphäre, sondern vor zu vielen Flüchtlingen im eigenen Land. Dass es aufgrund von Klimaflüchtlingen Zusammenhänge zwischen beidem gibt, erforderte wiederum ein höheres Komplexitätsverständnis.

Evolutionsbedingte Nahbereichsprägung

Manche argumentieren mit einer evolutionsbedingten Nahbereichsprägung, die mit der globalisierten Lebenswelt und ihren Folgen kollidiere. Auch wenn uns eine "langfristig kalkulierende Klugheitsethik" nahelegen würde, unseren Wirtschafts- und Lebensstil zu ändern, treffen wir unsere Entscheidungen nach Kriterien des unmittelbaren Vorteils, so der Philosoph Thomas Mohrs. Wir wissen zwar um den Klimawandel - wenn der Urlaub naht, siegt jedoch die Lust auf die nächste Fernreise. Auf politischer Ebene: Im Zweifelsfall doch lieber eine dritte Flughafenpiste, um Umsätze und Arbeitsplätze zu sichern.

Mit dem Psychologen Kohlberg gesprochen: Kognitiv sind wir auf der höchsten (sechsten) Moralstufe angelangt, praktisch handeln wir aber nach unseren Emotionen, Wünschen und Begierden (Stufe drei). Dazu kommt laut Mohrs das "Yolo"-Argument ("You only live once"): Wenn sowieso alles zu spät ist und die "Titanic" unweigerlich auf den Eisberg krachen wird, wieso dann nicht an der Bar und beim üppigen Buffet bleiben, solange es nur irgendwie möglich ist? Dass Rechtspopulisten den Klimawandel leugnen, mag mit dem Kalkül einer doppelten Entlastung zusammenhängen: "Wir haben das Recht, unseren gewohnten Lebensstil fortzuführen; und die wirklichen Probleme liegen woanders, nämlich in der Zuwanderung."




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-10 13:02:32
Letzte Änderung am 2018-08-10 15:18:32


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Macht der Bilder
  2. Unsere Nachbarn
  3. Salzburger Brexit-Harmonie
  4. Was übersehen wird
  5. Abgang auf Raten
Meistkommentiert
  1. Kümmern statt kämpfen
  2. Gute Zeit für echte Politiker
  3. Anklage gegen Orbanistan
  4. Abgang auf Raten
  5. Schwarz-blaue Paradoxie


Werbung