• vom 30.08.2018, 15:37 Uhr

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Update: 30.08.2018, 17:53 Uhr

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Asyl vom Roboter




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Von Christian Ortner

  • Wie mittels Internet und künstlicher Intelligenz künftig viel besser entschieden werden könnte, wer in die EU kommen darf - und wer nicht.



Kanzler Sebastian Kurz hat jüngst dafür plädiert, Schiffe mit Migranten aus Afrika grundsätzlich nicht mehr an EU-Küsten anlegen zu lassen und gen Süden zurückzuschicken. Eine vernünftige Forderung, die wohl früher oder später auch (endlich) realisiert werden wird, so wie sich die politischen Gewichte in Europa derzeit verschieben.

Diesfalls wird sich freilich eine andere Frage stellen: Wie soll es dann überhaupt noch möglich sein, in einem EU-Staat oder der EU legal um Asyl anzusuchen, was im begründeten Einzelfall ja auch weiterhin möglich sein soll? Keine gute Lösung wird sein, so wie früher wieder Asylanträge bei Botschaften zu ermöglichen. Die wären im Falle des Falles völlig überfordert. Hätte etwa die deutsche Botschaft in Beirut 2015/16 Asylanträge entgegengenommen, hätte es dort nach Schätzungen von Diplomaten knapp 1000 Konsulatsbeamte gebraucht - völlig undenkbar. Auch Österreichs Vertretung in Pakistan musste schon einmal vorübergehend geschlossen werden, weil tausende Afghanen gleichzeitig Asyl beantragen wollten.


Das gleiche Problem wird sich stellen, wenn Asylzentren in Afrika diese Aufgabe erledigen. Diese Lösung ist also keine. Irgendeine wird aber notwendig sein. Und sie liegt sogar nahe: nämlich Asylanträge nur noch online über dafür zu schaffende Websites und Apps entgegenzunehmen, sei es auf EU- oder nationaler Ebene, und zwar von jedem Punkt dieser Welt außerhalb der EU aus. Wer meint, asylberechtigt zu sein, egal wo, hätte mit dieser App die Möglichkeit, einen sehr detaillierten Fragebogen online auszufüllen, seine Personalien und Dokumente von Pass bis Schulabschluss einzuscannen, allenfalls Videos oder Fotos für Beweiszwecke beizulegen und das ganze Konvolut kostenfrei abzusenden.

Zu bearbeiten wären diese Anträge vollautomatisch mittels Künstlicher Intelligenz, wie sie heute schon in vielen anderen Bereichen eingesetzt wird. So könnte Stimmerkennungssoftware zuverlässig falsche Syrer von echten Sudanesen unterscheiden, Standorte von IP-Adressen verifizieren etc. . . Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt: Durch Vernetzung mit anderen Datenbeständen, Überprüfung der Sozialen Netzwerke und zahllose andere technologische Möglichkeiten würden Asylanträge wesentlich effizienter, schneller und präziser bearbeitet. Menschliche Beamte bräuchte es nur noch am Ende.

Vermutlich wäre die Zahl der tatsächlich Asylberechtigten unter so einem Regime zumindest zeitweise sehr hoch. Deshalb wäre ergänzend nötig, dass entweder die EU oder sonst eben die Mitgliedstaaten eine jährliche Quote von Asylplätzen vorgeben, die dann nach in den Algorithmus einzuarbeitenden Prioritäten vergeben würden.

Natürlich wäre es trotzdem weiter notwendig, am Ende des Verfahrens - wenn die vom Algorithmus Approbierten legal in Europa angekommen wären - noch eine letzte Überprüfung des Asylanspruchs durch menschliche Beamte vorzunehmen. Die könnte dann aber, angesichts der umfangreichen vorliegenden Unterlagen, eher in Tagen denn in Wochen erledigt sein, Instanzen inklusive.

Einen guten Grund, Asylverfahren nicht mit den technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts schneller, gerechter und kontrollierbarer zu machen, gibt es nicht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 15:47:52
Letzte Änderung am 2018-08-30 17:53:55


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