• vom 31.08.2018, 14:57 Uhr

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Update: 31.08.2018, 15:41 Uhr

Gastkommentar

Europas Identitätssuche




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Von Michael Kuhn

  • Mit einem bloßen Rückgriff auf das "eine, ungeteilte, christliche Europa" werden sich unsere heutigen Probleme nicht so einfach lösen lassen.

Michael Kuhn ist Theologe und Kommunikationswissenschafter. Er ist stellvertretender Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union. Dieser Gastkommentar ist auch in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Couleur" erschienen.

Michael Kuhn ist Theologe und Kommunikationswissenschafter. Er ist stellvertretender Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union. Dieser Gastkommentar ist auch in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Couleur" erschienen.© privat Michael Kuhn ist Theologe und Kommunikationswissenschafter. Er ist stellvertretender Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union. Dieser Gastkommentar ist auch in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Couleur" erschienen.© privat

Eine Frage spielt in der aktuellen Diskussion der Selbstversicherung und Abgrenzung eine wesentliche, für manche alles entscheidende Rolle: "Wo kommen wir her, was sind unsere Wurzeln?" In diesem Zusammenhang fallen immer wieder die Worte "Christentum" und "christliches Europa". Aber: Reicht das denn wirklich aus, um Europas Identität zu bestimmen?

"Was ist los mit dir, Europa?" Diese direkte und unvermittelte Frage stellte Papst Franziskus in seiner Rede im EU-Parlament im November 2015. Und er verglich Europa mit einer alten und unfruchtbaren Frau, die, müde und abgelebt, unfähig sei, Neues hervorzubringen. Diese besorgten Worte des Papstes über den aktuellen Zustand Europas lösten ambivalente Reaktionen aus. Diese reichten von der Kritik an der Verwendung eines negativ besetzten Frauenbildes bis zur Feststellung: "Dieses Bild beschreibt die derzeitige Starre und Ideenlosigkeit Europas sehr treffend."


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Um Letzteres dürfte es auch Papst Franziskus gegangen sein. Anders als sein Vorgänger Benedikt XVI. wirft er Europa keine "Geschichtsvergessenheit" und keinen "Selbsthass" vor, sondern er bedauert, dass Europa angesichts der Krisen, die es beuteln, wie erstarrt zu sein scheint, unfähig, Auswege aus diesen Krisen und den Weg zu sich selbst wiederzufinden. Dieser Erstarrung und Handlungsunfähigkeit Europas stellt er die Erwartungen und Hoffnungen gegenüber, die andere Länder und Kontinente mit Europa verbinden. Europa ist, so scheint es, vor allem mit sich selbst und seinen Krisen beschäftigt. Damit ist eine Gefahr verbunden: dass wir uns auf die negativen Seiten der Veränderungen fixieren und keinen Blick mehr für die mit Umbrüchen verbundenen Möglichkeiten und Chancen haben.


Ein Kontinent im Umbruch
Europa befindet sich aus unter­ schiedlichen Gründen im Umbruch. Der politisch noch nicht wirklich verarbeitete Übergang von einer "Gemeinschaft eines gemeinsamen Marktes" zu einer "politischen Union" (so die These des niederländischen Politikwissenschafters und Philosophen Luuk van Middelaar); die Finanz- und Wirtschaftskrise seit zehn Jahren, die auch Fehler im Bauwerk der Währungsunion freigelegt hat; die allmählich immer deutlicher werdenden grundsätzlichen Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung und den Einsatz von Robotics, die uns zwingen, über die Zukunft der Arbeit für den Menschen nachzudenken; die veränderten geopolitischen Verhältnisse, durch die Europa aufgefordert ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht mehr - wie in der Vergangenheit - auf die transatlantische Rückendeckung zu vertrauen. Diese Umbrüche lösen Verunsicherung aus: Alte Sicherheiten brechen weg, aber neue Zusammenhänge und Strukturen zeigen sich erst schemenhaft.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 15:08:55
Letzte Änderung am 2018-08-31 15:41:57


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