• vom 31.08.2018, 14:57 Uhr

Gastkommentare

Update: 31.08.2018, 15:41 Uhr

Gastkommentar

Europas Identitätssuche




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief





Umbruchsituationen und Krisen sind eng miteinander verbunden. Krisen zwingen uns zu Entscheidungen, sie ermöglichen Wachstum, Reifung und ein Finden der eigenen Identität. Gleichzeitig ist es verlockend, in den unsicheren Zeiten des Umbruchs auf Altbewährtes zurückgreifen zu wollen. Eine solche Verlockung ist die Vorstellung, dass ein Rückgriff auf das "eine, ungeteilte, christliche Europa" die Lösung für unsere heutigen Probleme darstellen könnte. Das wäre ein großer Irrtum: Unsere Gesellschaft ist viel weniger homogen als in der Vergangenheit, sie ist politisch, weltanschaulich und religiös plural, und eine Festlegung des Christentums auf seine "Wurzelfunktion" würde seine gestalterische Kraft eher verschütten als stärken.

Wegbegleiter in die Zukunft
Bei Papst Franziskus ist das anfänglich negative Bild einem vorsichtigen Optimismus gewichen. Es ist geprägt von der Zuversicht, dass Europa in der Lage ist, seine derzeitige Situation richtig einzuschätzen und Strategien zu entwickeln, um den mit den Umbrüchen verbundenen Herausforderungen zu begegnen. Europa müsse seine Talente wiederentdecken, so der Papst, und seine Fähigkeiten weiterentwickeln: die Fähigkeit, Neues zu integrieren, seien es Menschen, Kulturen oder neue Techniken.

Die Fähigkeit zum Dialog, der stärker ist als alle Differenzen und unterschiedlichen Sichtweisen, hilft uns, trotz dieser Unterschiedlichkeiten zivilisiert eine gemeinsame Lösung, einen für alle lebbaren Kompromiss zu finden. Schließlich hat Europa die Fähigkeit, wieder Neues zu schaffen, die Perspektive zu wechseln und den Mut, ungewohnte Dinge nicht nur durchzudenken und zu analysieren, sondern auch zu tun, anzupacken, umzusetzen, zu verwirklichen.

Für Franziskus haben Christen in Europa und für Europa eine wichtige Aufgabe: nicht als vergangenheitsverliebte Besserwisser, die hauptsächlich früheren Zeiten und der damit verbundenen und verloren gegangenen einstigen Größe und Bedeutung nachtrauern, sondern als vom Evangelium inspirierte und inspirierende Wegbegleiter Europas, die bereit und willens sind, dieses Europa, mit Blick auf die Zukunft, zu öffnen und mitzugestalten. "Europa hat Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet."

In diesem Sinn ist das Christentum ein integraler und unverzichtbarer Teil Europas. In diesem Sinn ist die Identität Europas auch - und entscheidend - christlich.

Zum Autor

zurück zu Seite 1




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 15:08:55
Letzte Änderung am 2018-08-31 15:41:57


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Herzlichst, ihr Hater!
  2. Das letzte Bollwerk
  3. Staat mit Eigenschaften
  4. Ein bleibender Spuk
  5. Attacke der Retter
Meistkommentiert
  1. Hauptsache Widerstand
  2. Streiten lernen
  3. Ein bleibender Spuk
  4. Herzlichst, ihr Hater!
  5. Schatztruhe Geschichte


Werbung