• vom 07.09.2018, 10:00 Uhr

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Die Filmbranche als mahnendes Beispiel




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4.Qualifikation ist gut, aber sie allein schützt nicht

Laut der 2016 durchgeführten "Studie zur sozialen Lage der Filmschaffenden" ist die Qualifikation unserer Arbeitnehmer extrem hoch, gleichzeitig ist die Armutsgefährdung viermal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, obwohl die meisten mehr als einen Beruf ausüben, um ihr Auslangen zu finden. Die Digitalisierung wird noch mehr Arbeitnehmer in die Kreativwirtschaft drängen, deren Realität bereits heute ist: mehrere Berufe, flexibelste Anstellungs- und Arbeitsverhältnisse, kombiniert mit selbständigen Tätigkeiten. Darauf ist unser Sozialversicherungssystem nicht vorbereitet.

5.Mehr Arbeit,
weniger Sex

75 Prozent aller Filmschaffenden leben in Haushalten ohne Kinder. Die Studie zitiert eine Kollegin: "Bei 12 Stunden Arbeitszeit sind Kinder undenkbar! Sollten wir es je in Erwägung ziehen, Kinder zu bekommen, müssen wir uns einen anderen Job suchen." Wer 12 Stunden arbeitet, braucht mindestens 13, wenn nicht 14 Stunden Kinderbetreuung. Mangels Angebot müssen die Betroffenen die Kinderbetreuung selbst bezahlen. Das kostet deutlich mehr, als sie durch die Mehrarbeit dazuverdienen können. Ist man aber einmal in dieser Zwickmühle flexibilisierter Arbeit, wird die viel zitierte Freiwilligkeit zu blankem Hohn und die Möglichkeit der individuellen Freizeitgestaltung als Trugbild enttarnt - nur leider zu spät.

6. Arbeitszeit
ist Lebenszeit

Viele Frauen nehmen von Filmberufen Abstand; Frauen, die uns künstlerisch und inhaltlich dringend fehlen. Ein normales Sozial- oder gar Familienleben ist bei uns nicht möglich. Damit kommen Männer in unserer Gesellschaft deutlich leichter zurecht. Heute versuchen wir mit finanziellen Anreizen und sogar Zwängen, den Frauenanteil von 32 auf 50 Prozent zu heben. Ohne Änderungen bei Arbeitszeit, Versicherung und Kinderbetreuung wird das wenig bewirken, und schon gar nicht für eine gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit sorgen. 63 Prozent der filmschaffenden Frauen leben alleine. Noch Fragen?

Die Politik muss nicht unsere Arbeitszeit flexibilisieren, das geschieht von allein. Sie muss vielmehr die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Lebenszeit mit diesen Anforderungen kompatibel ist. Und davon kann keine Rede sein.

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Dokument erstellt am 2018-09-07 17:24:04


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