• vom 10.09.2018, 16:37 Uhr

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Von Paul Kellermann

  • Wir brauchen Forschung nicht nur für technische Innovationen, sondern auch zu deren Folgen.

Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität.

Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität. Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität.

Die "Wiener Zeitung" berichtete jüngst im Rahmen der Alpbacher Technologiegesprächen von einem "Silicon Austria" als "Weltklasse-Forschungszentrum für elektronisch basierte Systeme" (Zitat Innovations- und Technologieminister Norbert Hofer) und einer "Innovationslandschaft in Österreich". Man meinte, Begeisterung zu spüren, und würde wesentliche Bereicherungen für unser Leben erwarten.

Es mehren sich freilich die Anzeichen, dass es dringlich auch um die Verhinderung der Verschlechterung der menschlichen Lebensbedingungen auf dem Globus geht, nicht mehr nur um eine Verbesserung der Lebensqualität. Am auffälligsten ist der Klimawandel, etwas weniger im öffentlichen Bewusstsein ist das stetige Anwachsen der Erdbevölkerung, dem die verfügbaren Ressourcen kaum noch zu entsprechen vermögen. Die Veränderungen von Strömungen der Weltmeere werden wenig wahrgenommen, und die Bedrohungen durch all die Cyber-Möglichkeiten scheinen die allgemeine Vorstellungskraft der Menschen zu übersteigen. Um auf all diesen Gebieten steuernd eingreifen zu können, fehlen das Wissen und die mit der erforderlichen Durchsetzungskraft ausgestattete politische Vernunft.


Um Antworten auf die diffizile Frage zu finden, wie man angesichts all dieser Entwicklungen verfahren sollte, könnte man von einer grundlegenderen Frage ausgehen: Wie werden die menschlichen Lebensbedingungen aussehen, wenn in 30 Jahren die Erdbevölkerung um etwa 25 Prozent zugenommen haben wird? Nahe liegt die Antwort, dass es vor allem anderen um eine rasche Entschleunigung des Wachstums von etwa 7,6 Milliarden Menschen heute auf dann 9,5 Milliarden geht. Die Differenz von fast 2 Milliarden entspricht der Menge, die vor knapp 100 Jahren nach tausenden von Jahren auf dem Erdball lebte.

Die Forschung zur Beantwortung jener primären Frage nach den künftigen menschlichen Lebensbedingungen existiert so gut wie gar nicht. Stattdessen wird Forschung nach weiteren technischen Innovationen verlangt, immer weiter und vermehrt in Richtung der Unbeherrschbarkeit der von Forschung und Anwendung erzeugten eigendynamischen Systeme (Internet der Dinge, Cyborgs). Dass damit nicht nur die Entscheidungsfreiheit der Menschen eingeschränkt, sondern auch die Natur in ihrer langen, langen Evolution massiv gestört wird, ist bei einschlägigen Diskussionen kaum ein Thema. Zwei Metaphern zur Verdeutlichung von schnellen und nachhaltigen Wirkungen technisch ermöglichten Handelns: Ein Baum braucht viele Jahre, bis er ausgewachsen ist; gefällt ist er mit einer Motorsäge sehr schnell. Das andere Bild bieten die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die neben der Verursachung anderer Schäden angeblich mehr Abgase ausstoßen als alle Pkw und damit die Sonnenbestrahlung stark beeinflussen.

Es müsste eigentlich selbstverständlich sein, dass die innovativen technologischen Forschungen zeitgleich von Forschungen zu den erwartbaren Folgen begleitet werden. Doch "Technology Assessment", das in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in den USA gesetzlich eingeführt wurde, hat weltweit an Unterstützung verloren.




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Dokument erstellt am 2018-09-10 16:48:05


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