• vom 11.09.2018, 07:00 Uhr

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Update: 18.09.2018, 17:57 Uhr

Gastkommentar

Zehn Jahre Finanzkrise - Sein oder Haben?




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Finanzkrisen sind umso gefährlicher, je höher die Vermögenansprüche sind. Man arbeitet mit geringen Eigenkapitalmargen und hohen Hebeln, also niedrigen Risikopuffern. Desto ansteckender ist folglich die Panik. Das Problem mit den Vermögenspielen ist: Es hilft zu Beginn. Jeder Kredit wirkt stimulierend. Man kann ihn aber nur zurückzahlen, wenn man andere Ausgaben zurückstellt. Die aber fehlen dann.

Das Finanzkarussell funktioniert also wie eine Ratsche: Nach vorne geht’s flott, nach hinten klemmt sie. Vom einmal erreichten Niveau, das ursächlich für die Krise war, kommt man nicht so leicht herunter. Grundsätzlich gibt es nur drei Möglichkeiten:

1. Den Forderungen davonwachsen. Wie aber soll man mit einem schweren Rucksack rasch laufen?

2. Inflation. Auch die zu erreichen ist unter den Bedingungen einer Finanzkrise ganz schön schwierig. Die Teilnehmer sind depressiv gestimmt, der Preiszeiger weist eher nach unten. Die Zentralbanken müssen sehr aktiv werden, um eine Deflation zu verhindern. Nach einigem Zögern sprang die EZB ein und machte bisher 2,5 Billionen Euro locker, um den Banken schlechte Forderungen abzukaufen und ihnen dringend benötigte Liquidität zu verschaffen - Aktivitäten am Rande der Legalität!

3. Default, also Konkurs, ein Vergleich, eine Abschreibung der Forderungen. Das aber tut weh. In Europa unternahm die Politik fast alles, um dies zu verhindern. Kein Wunder also, dass bisher kaum eine Entlastung der Wirtschaft stattfand und das Haben noch immer das Sein dominiert. Es wurden vor allem die Banken gerettet auf Kosten der wirtschaftlichen Kraft. Am Beispiel Griechenlands ist das besonders sichtbar. Eine Folge davon ist die Überdimensionierung des Bankensystems insgesamt und das "too big to fail"-Syndrom von Großbanken.

In Österreich bekamen wir die Krise nur ein bisschen zu spüren: durch Niedrigzinsen, ein Nachhinken der Einkommen hinter der Produktivitätsentwicklung, Streichungen bei den Sozialausgaben, eine etwas höhere Arbeitslosigkeit, einschlägige Bankskandale (Bawag, Hypo Alpe Adria, usw.). In anderen Ländern, etwa Italien, Spanien und vor allem Griechenland, sind die Auswirkungen dramatischer. Die Milliarden von Rettungsgeldern hatten vor allem einen Zweck: die Vermögensansprüche, die die reichen Länder - und die Reichen in den reichen Ländern, allen voran die Großbanken - ansammelten, zumindest in den Büchern zu sichern.

Nach zehn Jahren Finanzkrise wiegen wir uns weiterhin in der Sicherheit des Habens, riskieren aber unser wirtschaftliches Sein in der Zukunft.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-10 17:12:16
Letzte Änderung am 2018-09-18 17:57:31


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