• vom 12.09.2018, 07:00 Uhr

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Unbequeme Wahrheiten über den Lehman-Crash




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Von Lukas Sustala

  • Das übliche Narrativ über die Ursachen der Finanzkrise ist schlicht falsch.

Lukas Sustala ist Stellvertretender Direktordes Thinktanks Agenda Austria und Projektleiter im Fachbereich "Steuern, Budget und Finanzmärkte". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare

Lukas Sustala ist Stellvertretender Direktordes Thinktanks Agenda Austria und Projektleiter im Fachbereich "Steuern, Budget und Finanzmärkte". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare Lukas Sustala ist Stellvertretender Direktordes Thinktanks Agenda Austria und Projektleiter im Fachbereich "Steuern, Budget und Finanzmärkte". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare

Vor zehn Jahren erlebte die Weltwirtschaft Tage der Zerstörung. Binnen kurzer Zeit kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers, der Versicherungskonzern AIG musste vom Staat gerettet werden, und Banken auf der ganzen Welt waren von den Geldmärkten abgeschnitten.

Seit damals hat sich ein einfaches Narrativ über die Ursachen der Krise durchgesetzt: Verantwortungslose Banker und die Deregulierung der Finanzmärkte verursachten die Misere. In den Finanzministerien und Zentralbanken hingegen wurde heroisch gegen das Ausufern der Krise gekämpft, teils zu zögerlich auf das Platzen der Schuldenblase reagiert. Und die vorausschauenden Regulatoren tun seit vielen Jahren alles Menschenmögliche, um eine globale Finanzkrise in Zukunft zu verhindern.


Das Problem an dieser Geschichte ist nicht bloß, dass sie wichtige Teile weglässt - sie ist schlicht falsch. Die US-Immobilien- und Schuldenblase wurde unter großer politischer Mithilfe aufgepumpt. Gerade als die US-Regierung Marktwirtschaft und Deregulierung als politische Exportschlager in der Welt vermarktete, wurde der Immobilienboom abhängig von staatlichen Agenturen wie Fannie Mae, deren historische Wurzeln im "New Deal" lagen. Jeder US-Bürger sollte die Aussicht auf ein Eigenheim haben, auch wenn dies Einkommen oder Sicherheiten nicht hergaben. Diese Begebenheit, die der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in seinem aktuellen Buch "Crashed" als "deep irony" bezeichnet, wird gerne unter den Teppich gekehrt. Denn sie passt so gar nicht ins Schwarz-Weiß-Bild der "manisch-depressiven Marktwirtschaft" und des stabilisierenden Staats, das so oft gezeichnet wird.

Aber auch in Europa schaufelten gerade jene Institutionen, die als Wandler zwischen privater und staatlicher Welt lebten, Milliardengräber: etwa die Landesbanken in Österreich oder Deutschland. Die Hypo Alpe Adria hätte ohne die schützende Hand eines Bundeslandes nie zu einem Desaster solchen Ausmaßes anwachsen können.

Und mit ihrer lockeren Geldpolitik hat gerade die US-Notenbank Fed zu den Übertreibungen beigetragen, die an den Immobilien- und Kreditmärkten überbordend wurden - unterstützt vom chinesischen Staat, der hunderte Milliarden an Devisen zu investieren hatte. Warnungen davor, dass die öffentlichen Akteure die Märkte zusätzlich verzerrten, gab es immer wieder, auch von oberster Stelle im Finanzsystem, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Und dennoch agieren die meisten Zentralbanken bis heute asymmetrisch, greifen also nur im Krisenfall ein, um die Märkte zu stützen. Dass so eine öffentliche Gratisversicherung zu jenem verantwortungslosen Verhalten beiträgt, das im Nachhinein kritisiert wird, ist offensichtlich.

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite ist die Kapitalausstattung üppiger und die Konjunktur stark genug, um sich nicht vor Tagen der Zerstörung fürchten zu müssen. Aber vieles ist geblieben, wie es war: Staatliche Investments oder Garantien, ob implizit oder explizit, spielen weltweit wichtige Rollen für Kreditbooms. Und die meisten Banken, die 2008 "too big to fail" waren, sind heute noch größer. Außer natürlich Lehman Brothers.




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Dokument erstellt am 2018-09-11 17:48:05


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