• vom 01.10.2018, 10:25 Uhr

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Update: 01.10.2018, 16:43 Uhr

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Mobbing und Terror für bessere Schulen?




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Von Ernst Smole

  • Das Beispiel einer Wiener Brennpunktschule zeigt: Es gilt, Lehrpersonen zu stärken und die Verwaltung zu entstören.

Ernst Smole war Berater mehrerer Bildungsminister und koordiniert ein rund 50-köpfiges multidisziplinären Team, das am "Unterrichts:Sozial:Arbeits-und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" arbeitet (www.ifkbw-nhf.at).

Ernst Smole war Berater mehrerer Bildungsminister und koordiniert ein rund 50-köpfiges multidisziplinären Team, das am "Unterrichts:Sozial:Arbeits-und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" arbeitet (www.ifkbw-nhf.at).© privat Ernst Smole war Berater mehrerer Bildungsminister und koordiniert ein rund 50-köpfiges multidisziplinären Team, das am "Unterrichts:Sozial:Arbeits-und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" arbeitet (www.ifkbw-nhf.at).© privat

Am 10. Oktober ist zum 10. Mal "Tag der Wiener Schulen". Dieser unterscheidet sich positiv von den teils berüchtigten "Tagen der offenen Tür", die alles Mögliche zeigen, nur nicht das, worauf es in der Schule ankommt, nämlich den Unterricht in den Klassen. Am "Tag der Wiener Schulen" sind diese vom Stadtschulrat beziehungsweise seit heuer von der Bildungsdirektion dazu angehalten, alltäglichen, stundenplanmäßigen Unterricht abzuhalten, der durch jedermann völlig bürokratiefrei hospitierbar ist. Für die Besucher ist keine Anmeldung erforderlich, sie können einfach in die Klassen gehen und dort staunen, sich ärgern, vor Ärger, Freude oder Rührung weinen, beim Unterricht mithelfen - dazu wird man fallweise ermuntert, aber niemals gezwungen.

Die andere Brennpunktschule

Der Zufall hat mich am vergangenen "Tag der Wiener Schulen" in eine sogenannte Brennpunktschule geführt - und sie ist anders, als man vermuten würde. Alle Türen stehen ganz(schul)jährig weit offen, auch jene der Direktion. Summen, Plaudern und Lachen dringen aus den Klassen, Schülerlärm oder pädagogischem Disziplinierungsgebrüll sind nicht zu hören. Im Lauf eines Schuljahres durfte ich den Unterricht aller Lehrpersonen dieser Schule miterleben und sehr informationshaltige Gespräche auch mit der Direktorin führen.

Der Unterricht reicht qualitativ von hervorragend bis einzigartig. Die Schule hat eine besondere Klasse für Kinder, die vom Alter her schulpflichtig, aber durch verschiedene Umstände schwer beeinträchtigt sind. Viele leiden an den Folgen früher Traumata durch Kriegserlebnisse. Nach diesem Jahr wechselt die Mehrzahl dieser Kinder in eine Normklasse. Die Mission dieser speziellen Klasse erschließt sich dem Zuhörer nur, wenn man sich die Zeit nimmt, vom Unterrichtsbeginn bis zum mittäglichen Ende in der Klasse anwesend zu sein. Nur so ist es möglich, den Bogen, den die Lehrerin und die Kinder ziehen, mitzuerleben und auch zu verstehen.

Während der ersten Stunde erscheint es völlig undenkbar, dass in dieser Klasse je ein Unterricht im Sinne von Wissensvermittlung stattfinden könnte. Einige Kinder wirken müde und teilnahmslos, andere rasen durch die Klasse, ein Kind erleidet alle zehn Minuten einen Schreikrampf, ein anderes versucht, an sich Handlungen zu vollziehen, die man hier nicht beschreiben kann - Chaos pur. Doch mit der Zeit tritt Beruhigung ein - ohne dass ein lautes Wort der Lehrerin gefallen wäre. Um die dritte Stunde startet wirklicher Unterricht, was zuvor kaum vorstellbar war. Und in der Vorlesestunde ist es dann mucksmäuschenstill, die Kinder suchen allesamt die räumliche Nähe der Lehrerin. Dies lässt erahnen, woran es diesen Kindern vermutlich am meisten mangelt: an Ruhe und menschlicher Zuwendung.

Schlechte Lehrer wegekeln

Auf die Frage, wie man es geschafft hat, dass an dieser Schule ausschließlich begeisterte und erfolgreiche Lehrkräfte unterrichten, erklärt der inzwischen pensionierte Vorgänger der erst kurz im Amt befindlichen Direktorin: "Durch Mobbing und Terror. Ich habe neuen Kollegen stets geholfen, wo und wie ich nur konnte, habe ihnen jede nur denkbare Fortbildung ermöglicht, Feedbacks gegeben. Einzelne haben sich dieser Hilfe verweigert, waren uneinsichtig. Wenn mein Bemühen nachhaltig nicht gefruchtet hat, musste ich zu gezieltem Mobbing greifen, da an Österreichs Schulen Erfolglosigkeit im Unterricht und mangelnder Wille zu gezielter Fortbildung keine Kündigungsgründe sind! Telefonterror habe ich gegenüber den Vertretern der Schulbehörden ausgeübt, indem ich sie oftmals um Mitternacht privat angerufen und genötigt habe, unsere Kinder von diesen vereinzelten Problempädagogen zu erlösen. Dass diese nun die Kinder an anderen Schulen schädigen, macht mich natürlich sehr traurig."

Dass ein Direktor zu solch drastischen Mitteln greifen muss, um Österreichs multihierarchischem, unüberblickbarem Schulsystem beizukommen, ist in höchstem Maße menschenunwürdig. Österreichs Schule benötigt lediglich das Umlegen zweier zugegebenermaßen gewichtiger Hebel: die Stärkung der Lehrpersonen in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen, sowie die Entstörung des Schulverwaltungsföderalismus, der all jenen systembedingten Ärger verursacht, der die Lehrpersonen am Kern der Schule, also am engagierten und lustvollen Unterricht, an Wissensvermittlung, Bildung und Erziehung, hindert.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-01 10:36:30
Letzte Änderung am 2018-10-01 16:43:11


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