• vom 06.11.2018, 14:13 Uhr

Glossen


Sedlaczek am Mittwoch

"Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die FPÖ versucht, Deutsch als Pausensprache an den Schulen durchzusetzen. Wenn es gelänge, gäbe es hin und wieder etwas zu lachen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat es vor wenigen Tagen auf Facebook und Twitter erneut gefordert: "Deutsch ist unsere Staatssprache und der Schlüssel zur Integration. Nur wer Deutsch spricht, kann sich ordentlich verständigen, integrieren und auch dem Unterricht folgen. Deutsch als Schulsprache sollte sowohl am Pausenhof als auch im Klassenzimmer gelten." Dabei hatte der von der ÖVP nominierte Bildungsminister dieses Ansinnen bereits abgelehnt. Auch die oberösterreichische FPÖ gibt nicht auf, dort steht das Vorhaben im Arbeitsübereinkommen. Jetzt starten die oberösterreichischen Freiheitlichen sogar eine Online-Petition für "Schulsprache Deutsch".

Gegen das Vorhaben spricht einiges. Die FPÖ beruft sich auf Artikel 8, Absatz 1 des Bundes-Verfassungsgesetzes. Dort heißt es: "Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik." Gemeint ist natürlich die Amtssprache. Daraus abzuleiten, dass in den Schulen in der Pause nur noch deutsch gesprochen werden darf, ist absurd. Außerdem müssten dann Schulen wie das Lycée sofort zusperren.


Der Verfassungsdienst des Bundeskanzleramtes stuft die Deutschpflicht als "Eingriff in das Privatleben" der Schüler ein. Die FPÖ schlägt im Gegenzug eine Änderung des Schulunterrichtsgesetzes vor, wo sie den Begriff "Unterrichtssprache" durch "Schulsprache" ersetzen würde. Eine andere Möglichkeit sieht sie in der Ermächtigung an die Schulpartnerschaft, entsprechende Regelungen verpflichtend vorzusehen.

Die zweite Ablehnungsfront kommt von pädagogischer Seite. Vertreter von Ausbildungseinrichtungen, die Deutschkurse für Ausländer anbieten, haben sich in einer Petition gegen den Vorschlag ausgesprochen. Die Maßnahme würde die Integration nicht erleichtern, sondern erschweren. Es gehe darum, den Schülern Deutsch beizubringen, und nicht darum, ihnen die Muttersprache abzutrainieren. Wer zweisprachig ist, hat bessere Berufschancen.

Sollte die FPÖ mit ihrer konzertierten Aktion durchkommen - was ich nicht glaube und nicht hoffe -, gäbe es an den Schulen hin und wieder etwas zu lachen. Nehmen wir einmal an, zwei Serben missachten das Deutschgebot. Der kleine Franzi bemerkt das, er rennt zur Lehrkraft: "Frau Lehrer, der Mirko und die Jagoda haben in der Pause serbisch gesprochen, das darf doch nicht sein, oder?" Was soll die Lehrerin in diesem Fall machen? Eine Eintragung im Klassenbuch? Einen Schlechtpunkt für die Betragensnote?

Sie könnte sich natürlich auch den Mirko und die Jagoda vorknöpfen und ihnen die Leviten lesen. "Deutsch ist in der Pause die Schulsprache! Jede andere Sprache ist verboten!" Wenn der Mirko nicht auf den Mund gefallen ist, würde er vielleicht sagen: "Der Strache hat die Fabrik, wo mein Papa arbeitet, schon zwei Mal besucht. Er sagt, er ist ein Freund der Serben. Wenn der Strache das nächste Mal vorbeikommt, wird mein Papa mit ihm reden. Ich bin sicher, der Strache wird nichts dagegen haben, wenn ich in der Pause mit der Jagoda serbisch rede."

So klaffen manchmal Anspruch und Wirklichkeit auseinander.




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-06 14:25:06


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  2. Mein Fehler!
  3. Man wird sich weiterhin als Katze ausgeben dürfen
  4. Antike Comicstrips
  5. Digitales Verdummungsverbot
Meistkommentiert
  1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  2. Versunkene Wortschätze
  3. Vorweihnachtszauber
  4. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  5. Digitales Verdummungsverbot

Werbung




Werbung