• vom 06.11.2018, 15:16 Uhr

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Update: 07.11.2018, 11:55 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Ein verschüttetes Kulturgut




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Mit den Ländern, die früher zur Habsburgermonarchie gehörten, haben wir vieles gemeinsam. Ein Beispiel aus der Welt der Kartenspiele.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Blickt man auf die österreichische Geschichte jenseits der Mythen rund um Kaiser Franz Joseph und Sisi, so lässt sich sagen: Über einen erstaunlich langen Zeitraum integrierte die Monarchie unterschiedliche Nationen und Kulturen. Diese Feststellung im Leitartikel vom vergangenen Samstag kann ich durch persönliche Erfahrungen als Kartenspieler vertiefen. Das Spiel, um das es geht, heißt Tarock, es war einst ein gesellschaftliches Bindeglied. Wenn ein Beamter oder Offizier versetzt wurde, machte er an seinem neuen Dienstort über kurz oder lang eine Tarockrunde auf.

Deshalb wird noch heute in vielen Ländern das für die Habsburgermonarchie typische Vierer-Tarock gespielt: in Ungarn, in der Slowakei, in Tschechien, in Polen, ja sogar in jenen Teilen der Ukraine und Rumäniens, die früher zur Monarchie gehörten. Bei den Tarockreisen mit meinem Freund Wolfgang Mayr konnte ich die verschiedenen Varianten kennenlernen. Jede Nation hat das Spiel nach den eigenen Vorstellungen weiterentwickelt. Die Varianten unterscheiden sich heute dadurch, wie sich zwei Spieler zusammenfinden. Entweder durch Rufen eines Königs oder durch Rufen von Tarock XX, manchmal sogar von Tarock XIX. Wer diese Karte hat, ist der Partner. In Slowenien spielt man auch zu dritt Tarock - dann spielt einer gegen zwei.


Aber die wichtigsten Wesenselemente sind überall dieselben, und damit auch die Terminologie. Das kleinste Tarock heißt "Pagat", das höchste "Sküs", zusammen mit Tarock XXI bilden sie "tous les trois" - die Trull, und wer alle Stiche macht, hat einen "Valat". Wenn ein Spickzettel mit Übersetzungen wichtiger Floskeln am Tisch liegt, kann ein Kärntner mit einem Slowenen spielen, ein Tscheche mit einem Polen und sogar ein Wiener mit einem Ukrainer, auch das haben wir gemacht.

In unserem Buch "Die Kulturgeschichte des Tarockspiels" berichten wir über eine interessante Reise nach Südpolen. Bei einer Stadtrundfahrt hielt unser Bus bei einem Kilometerstein aus Zeiten der Monarchie. "322 Kilometer nach Wien" war darauf zu lesen - in deutscher Sprache. Der Kilometerstein wird wie ein kleines Denkmal gepflegt. "Wien ist näher als Krakau", sagte man uns. Abends wurde dann tarockiert. Während einer Partie bemerkte ich, dass ein Spieler einen polnischen Ausdruck verwendete, worauf die Karten anders ausgeteilt wurden. "Was hast du jetzt gesagt?" Man schrieb es auf ein Blatt Papier: "Caveles." - "In Wien sagen wir ,Café Abeles‘." Denn so hieß ein Kaffeehaus am Salzgries Nummer 9, das der Cafetier Jonas Abeles 1868 direkt gegenüber der Infanteriekaserne eröffnete. Um zu verhindern, dass Spieler beim Geben schwindeln, hatte man sich ein originelles Verfahren ausgedacht: Wenn der Spieler links vom Geber nicht abhebt, sondern auf das Paket klopft, kann der Spieler rechts vom Geber mit den Worten "Café Abeles" bestimmen, dass die Karten in unüblichen Tranchen verteilt werden.

Das Verfahren ist in viele Städte der Monarchie hinausgetragen worden, aber die aus Wien stammende Bezeichnung ist verloren gegangen oder sie wurde verballhornt. Wir haben mit diesen Ländern mehr gemeinsam, als es zunächst scheinen mag.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-06 15:28:07
Letzte Änderung am 2018-11-07 11:55:08


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