• vom 10.11.2018, 11:00 Uhr

Glossen

Update: 10.11.2018, 14:02 Uhr

Glossen

Stoff geben




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung. Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Stoff, Stoff, Stoff. Stoff, wohin das Auge reicht. Die Auswahl ist förmlich erdrückend. Ist man mit den Tausenden Proben, die in den Regalen hängen, und den Eyecatchern an der Wand ($ $ $!) erst einmal durch, ist man zwar fix und fertig - mit den Nerven und der Welt. Aber man ist bestimmt noch nicht fertig, was den Grund des Besuches betrifft. Nein, wir haben exakt gar nichts erledigt, und noch nicht einmal einen Blick in die Mappen geworfen, in denen sich das eigentliche Gros der verfügbaren Ware versteckt. Wir müssen - tick-tack, tick-tack, tick-tack - also noch ein paar weitere Stunden lang tapfer sein.

    An sich sollte man ja beruhigt sein können, wenn nach dem Umzug die Arbeiten in der Wohnung bereits so weit vorangeschritten sind, dass man sich schon jetzt um Chichi wie Vorhänge kümmern kann. Allerdings hat man zuvor bei einem separaten Ausflug in Sachen Stores/Gardinen gelernt, dass es Erledigungen und Tätigkeiten gibt (Kuraufenthalte nach Rücken-OPs, die Durchquerung der Wüste Gobi zu Fuß . . .), die gefühltermaßen schneller vergehen als die Auswahl eines Stückes Stoff für das Fenster.

    Außerdem scheint so ein Vorhangkauf eine sehr ernste Sache zu sein. Du meine Güte, so hat man sich vielleicht das Aufeinandertreffen der Industriellenvereinigung mit der Gewerkschaft vorgestellt - oder einen Verhandlungsmarathon zur Beendigung des Nahostkonflikts. Man beginnt zu bereuen, dass man zuletzt dermaßen rasant verspießert ist. Keine Vorhänge wären noch bis vor kurzem Vorhang genug gewesen: Feinripp für die Gegenüber-Nachbarn! Hallo ihr! Gösser formte diesen Körper!

    Hier und heute aber stellen sich die großen Fragen. Komplexe Details sorgen mit zunehmender Dauer dafür, dass die Vorhangbranche auf einer Ebene mit der Molekularbiologie zu stehen scheint: Barock oder modern? Floral oder grafisch? Kleinteilig oder grob? Französischer oder englischer Stil? Egal, nach den ersten 5000 Mustern lässt sich sowieso nichts mehr unterscheiden. Schwerer oder leichter Stoff? Füttern oder nicht? Natur- oder Kunstfaser gefällig? Vielleicht etwas Einfarbiges? Mehr Magenta oder doch eher Pink? Vorhangstange oder -schiene? Einläufig oder zweiläufig? Ösen oder Häckchen? Chrom, Edelstahl, Holz? Decken- oder Wandmontage? Abschluss am Boden oder an der Sesselleiste? Und, besonders wichtig: Falte-Abstand-Falte - oder Falte-Falte-Falte?

    Irgendwann hat man eine Entscheidung getroffen. Aus reiner Ermattung. Es wird gerechnet und eine Summe genannt. Ist alles in Ordnung, Sie sehen so blass aus? Bankomat- oder Kreditkarte? Die Herrschaften, lieber gleich das Inkassobüro? Weil der Preis obszön genug ist, dass sich für diesen - einen - Vorhang zwei, drei Fernflüge locker ausgehen würden, hat man am Ende übrigens auch selbst eine Frage: Wo, bitte, ist hier der Ausgang??





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-08 16:22:08
    Letzte Änderung am 2018-11-10 14:02:51


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