• vom 11.11.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Kaffeehaus- und Grabbesuche




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien

    Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien© Robert Newald Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien© Robert Newald

    Es war kurz vor Allerseelen, als ich in einem Kaffeehaus saß, das vis-à-vis von einem Friedhof liegt. Draußen im Garten standen die Tische und Sessel bereits leer, im Inneren des hölzernen Pavillons hatten ein paar Leute Platz genommen. Unwillkürlich musste ich an die längst vergangene Zeit denken, als das Lokal noch von zwei alten Schwestern geführt wurde.

    Beide behandelten ihre Gäste eher mürrisch, es waren die 1960er Jahre, und der Begriff "Service-Charakter" existierte noch lange nicht. Das Angebot war überschaubar: Viel mehr als Kaffee, saure Milch und Schnittlauchbrote gab es nicht. Die Zahl der Gäste hielt sich gleichfalls in Grenzen.


    Dass die Schwestern mit dieser Art der Geschäftsführung, wenn überhaupt, nur ein kleines Zubrot zu einer etwaigen Pension verdienen konnten, lag auf der Hand. Wenn eine von ihnen eine Bestellung aufnahm, schien sie dies aus reiner Gefälligkeit zu tun, und Kritik, etwa an einer nicht genügend warmen Melange oder einem zu dünnen Himbeerwasser, war denkunmöglich. Vermutlich hätte ein derartiges Vergehen es nach sich gezogen, dass man bei einem allfälligen nächsten Besuch "nicht einmal ignoriert" worden wäre, wie das in Wien so treffend heißt.

    Manche der weiblichen Gäste kehrten im Anschluss an einen Gang auf den Friedhof hier ein, und ein Satz, den ich damals des Öfteren hörte, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: "Ich habe vorhin meinen Mann besucht." Dieser ruhte, soviel war klar, bereits im Grabe, und ich, ein Kind damals, konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es möglich war, einen Toten zu "besuchen".

    Später übernahm ein findiger Gastronom das Kaffeehaus, weitete die Speisekarte gehörig aus, passte die Preise den Einkommensverhältnissen der Bewohner des Bezirks an und machte aus dem verschlafenen Platz so etwas wie ein Szenelokal. Es kamen Mädchen in Faltenröcken und College-Schuhen, Burschen mit Burberry-Mänteln und ausgewaschenen Jeans, die allesamt ein etwas geziertes Hochdeutsch sprachen, und von denen einige, die bereits das Gymnasium hinter sich gelassen hatten, in schicken Autos vorfuhren. Heute sind aus den jungen Leuten von damals blendend aussehende Damen und Herren geworden, die manchmal ihre halb erwachsenen Söhne und Töchter in das Café mitnehmen und diesen, den Unterschied an Jahren abgerechnet, verblüffend ähnlich sehen.

    Unterdessen waren zwei Damen kurz nacheinander eingetroffen und hatten sich an meinem Nebentisch niedergelassen. Nach einer herzlichen Begrüßung sagte die eine: "Ich komme aus der Stadt und habe jetzt noch den Christian besucht." Darauf die andere im Plauderton: "Der liegt hier? Das hast du ja super verbunden."

    Ja, so ist das. Kaffeehausbesitzer wechseln, Gästeschichten verändern sich, aber gewisse Ausdrucksformen trifft man noch nach einem halben Jahrhundert am selben Ort an. Die Schnittlauchbrote übrigens auch.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-08 16:22:10
    Letzte Änderung am 2018-11-08 16:53:22


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