• vom 08.11.2018, 17:06 Uhr

Glossen


E-Scooter

Der Jogger muss doch auch nicht im Schritttempo laufen




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Was diese neuen Elektroroller dürfen (und wo sie es dürfen), darüber herrscht große Verwirrung. Am besten, man steigt gar nicht erst drauf.



Sie sind ja echt nimmer zu übersehen inzwischen: diese mobilen Stehplätze zum Mieten. (Entsperren kostet einen Euro und jede Minute dann 15 Cent.) Aber keine Angst, die werden mit sauberem Strom betrieben und nicht mit Benzin oder Diesel.

Jetzt brauchen die Leute also schon zum Stehen Strom. Zumindest die, die unbedingt mit bis zu 25 km/h in der Gegend herumstehen müssen. (Wahnsinn, die stehen ja schneller, als ich gehe.) E-Scooter nennt man diese hippen Fortbewegungsmittel, die sich derzeit vermehren wie die Karnickel. Und wo, bitte, soll der ganze Strom zum Aufladen dieser vielen, vielen Akkus herkommen? Jeden Abend aus der Steckdose. Blöde Frage. Okay, irgendwann wird man eben ein paar zusätzliche Steckdosen in Wien montieren müssen. Moment, sind die nicht aus Plastik? (Pfui!) Und wird das nicht wiederum aus Erdöl erzeugt? Wie das Benzin? Und werden die Menschen nicht noch blader werden, wenn sie ihren Tretroller nicht einmal mehr mit dem Fuß (eh bloß mit einem) antreiben? Ach, kein Problem. Das Modell von einem der Anbieter hält 150 Kilo aus. Außerdem kann ich mich nicht über den mangelnden Kalorien- und erhöhten Stromverbrauch der andern aufregen und nachher stell ich mich selber gemütlich auf die Rolltreppe.


Diese Leihroller werde ich trotzdem nie ausprobieren. Für 2,50 Euro krieg ich grad einmal zehn Minuten. Wenn ich mir um zehn Cent weniger einen Fahrschein der Wiener Linien kauf, kann ich mit der U1 von Leopoldau bis nach Oberlaa fahren. (34 Minuten!) Und mich dabei sogar hinsetzen. Oder eigentlich muss ich nix zahlen. Hab eine Jahreskarte, ätsch. (Und wenn ich nicht nach Oberlaa will?) Aber ich dürfte ohnedies nicht mit so einem Miet-Scooter rumflitzen. Mir fehlt die Lenkerberechtigung. Man benötigt einen Führerschein? Na ja, eine Kreditkarte. Und die besitze ich halt nicht. Doch selbst wenn ich eine besäße, ich würde dauernd irgendwelche Fahrfehler machen. Denn die Roller mit dem Motor schauen zwar genauso aus wie die muskelkraftbetriebenen, sind allerdings in Wahrheit Fahrräder. Rechtlich betrachtet. (Warum nicht Motorroller?)

Der Scooter ohne E vorne darf auf den Gehsteig. Weil das ein "fahrzeugähnliches Kinderspielzeug" ist. (Das ist für Kinder? Sollte den Erwachsenen vielleicht einmal wer sagen.) Mit dem E-Scooter muss ich auf den Radweg. Oder auf die Straße für die Großen. Eine verkehrsberuhigende Maßnahme? Genial. Wenn man nur genügend von diesen Dingern, die maximal 25 km/h schaffen, unter die Autos mischt . . . (He, dürfen die auch die Bremsspur, Tschuldigung: Busspur benutzen und gegen die Einbahn brettln?) Den Verkehr in der Fußgängerzone (Fuzo) dynamisieren sie dafür. Überall Passanten, die zur Seite springen. Hm. Gilt für sämtliche Fahrräder (die richtigen und die rechtlichen) in der Fuzo nicht Schrittgeschwindigkeit? Ja. Aber würden die sich dran halten, würden sie einen doch nicht ständig überholen, oder?

Schrittgeschwindigkeit? Da kannst ja gleich zu Fuß gehen. Wie viele km/h sind das überhaupt? Fünf. Und wie sollen Radfahrer feststellen, ob sie im Schritttempo unterwegs sind (ohne Tacho)? Indem sie ihr Radl schieben! Einem Jogger schreibt jedenfalls keiner vor, er müsse in der Fuzo mit Schrittgeschwindigkeit laufen. Der rennt so schnell, wie er will. Und nach dem Gleichheitsgrundsatz . . .




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Dokument erstellt am 2018-11-08 17:16:15


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