• vom 09.11.2018, 16:31 Uhr

Glossen

Update: 09.11.2018, 16:58 Uhr

Glossenhauer

Hysterisch wertvoll




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Man fragt sich: Was geht in die Geschichte ein? Oder besser: Wer geht in der Geschichte ein?

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Heute ist zweifelsohne ein großer Tag für Österreich. Nicht, weil sich heute zum 29. Mal jener Tag jährt, an dem die DDR-Bürger endlich die innerdeutsche Grenze überqueren durften und deshalb nicht mehr den lästigen Umweg über Österreich machen mussten, sondern weil Österreich endlich sein "Haus der Geschichte" bekommt.

Und wenn das Neue kommt, muss das Alte weichen. Deswegen wurde ja auch das Weltmuseum - um Platz für das "Haus der Geschichte" zu machen - verkleinert. Also Geschichte rein, Welt raus. Aber das ist ja eine Mode zur Zeit: Denkmäler für Trümmerfrauen sind gut, internationalen Verträge schlecht.


Und Geschichte ist wichtig in Österreich. Auch wenn die Meinungen im Detail gerne einmal auseinandergehen. Das fängt schon beim Namen des Museums an. Die ÖVP hätte ja lieber ein "Haus der Republik" gehabt. Was logisch ist, da sie manchmal historisch anderer Meinung ist als der Rest des Landes. Zumindest was die Jahre 1933 bis 1938 betrifft. Von 1938 bis 1945 ist man sich wieder einig. Außer vielleicht mit dem Koalitionspartner.

Was in dem Haus zu sehen sein wird, hat die "Wiener Zeitung" schon berichtet. Was ist aber nicht zu sehen? Was war historisch nicht wertvoll genug? Den Dolch des Schneidergesellen János Libényis, mit dem er 1853 Kaiser Franz Joseph "okragln" wollte, sucht man dort etwa vergebens. Ebenso den Strick, mit dem er anschließend hingerichtet wurde. Apropos tot: Auch den Revolver, mit dem sich der rechtshändige Ex-Minister Karl Lütgendorf mit der linken Hand erschossen haben soll, darf man dort nicht erwarten. Obwohl das Exponat nicht unbedingt als Indiz für unklare Waffengeschäfte herhalten könnte, sondern vielmehr als Metapher auf die Rinks-lechts-Velwechsrung der gesamten Republik. Auch die Zange, mit der ein Außenminister einmal mit seinem ungarischen Amtskollegen einen Stacheldrahtzaun durchtrennt hat, ist leider nicht vorhanden. Ist vielleicht auch für das heutige Publikum auch zu jenseitig, zu abgedreht, völlig verrückt: "Österreicher und Ungarn bauen Zäune ab? Oida! Crazy history."

Und wenn wir schon im Außenministerium sind: Der Akt des Außenministeriums die Vergewaltigungsvorwürfe rund um Toni Sailer 1974 in Polen betreffend ist leider auch nicht zu bewundern. Und auch nicht jene Liste von verdeckten Ermittlern innerhalb der Burschenschaften, die Herr Goldgruber vom Chef des Verfassungsschutzes niemals haben wollte. Ob diese vielleicht für die Sonderausstellung "Wege aus der Demokratie" im Jahr 2033 reserviert sind, weiß man nicht.

Zu guter Letzt fehlen Steine. Es gibt etwa keine jener harmlosen Pflastersteine, mit denen ein Stadtrat aus Steyr seinen Namen im Belag des Hauptplatzes hat legen lassen. Und wenn wir schon beim Bodenbelag sind, fehlen natürlich auch jene Stolpersteine, die der Linzer Bürgermeister nicht verlegen lassen möchte. Wobei hier möglicherweise noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Vielleicht stimmt der Bürgermeister ja doch noch zu. Etwa, wenn mit den Stolpersteinen sein eigener Name in den Linzer Asphalt geschrieben wird. Denn dann hat er sich verewigt.

Und dann ist er historisch wertvoll.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-09 16:43:15
Letzte Änderung am 2018-11-09 16:58:14


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