• vom 13.11.2018, 16:56 Uhr

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Update: 14.11.2018, 10:07 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Versunkene Wortschätze




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wer vom Aussterben bedrohte Wörter verwendet, leistet einen Beitrag dafür, dass die Vielfalt der Ausdrucksweise erhalten bleibt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Neulich ist mir ein wunderbares Buch in die Hände gefallen. Es heißt so wie der Titel dieses Beitrags: "Versunkene Wortschätze" - mit dem Zusatz "Österreich". Autor ist der Linzer Jakob Ebner, bekannt als Verfasser des "Duden"-Bandes "Wie sagt man in Österreich?". Aufgelistet und beschrieben werden jene Wörter, die allmählich in Vergessenheit geraten und vielleicht bald aussterben. Sie aus der Mottenkiste des Sprachinventars hervorzuholen, ist ein lohnendes Unterfangen.

Mir geht es hier nicht um jene Ausdrücke, die deshalb aussterben, weil die Sachen, die sie bezeichnen, verschwunden sind. Da es nicht mehr Schaffner gibt, die Karten zwicken, ist das Wort Zwickzange obsolet - soll sein. Dafür haben
wir jetzt das Wort Fahrscheinautomat. Wenn es keine Gendarmen mehr gibt, stirbt das Wort aus, die Polizisten sind die alleinigen Gesetzeshüter.


Oder das aus dem Französischen stammende conferieren: Die Älteren unter uns werden den Ausdruck aus den Kabarett-Programmen kennen: Karl Farkas conferierte - zum Beispiel "Über die Kunst". Er war ein Conférencier, seine Doppelconférencen mit Ernst Waldbrunn sind legendär. Heute gibt es Comedians.

Meine Zuneigung gilt jenen Wörtern, die eine Berechtigung hätten, am Leben zu bleiben. Gleich beim Buchstaben A in Jakob Ebners Lexikon "Versunkene Wortschätze. Österreich" finde ich Animo. "Etwas mit viel Animo tun" bedeutet: etwas mit Lust, mit Freude erledigen. Warum hört man diesen Ausdruck so selten? Weil er aus dem Lateinischen stammt? Weil uns die Leidenschaft bei unserem Tun und Handeln abhandengekommen ist?

Beim Buchstaben D finde ich dünken. Ebner vermerkt auch die alten Formen: deuchte, hat gedeucht. Und er erklärt in einem kleinen Beitrag die Bedeutungen. "Mich dünkt, der Regen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen." Damit verleiht der Sprecher dem Zweifel an seiner Wahrnehmung Ausdruck. "Die lange Trockenperiode sollte doch bald ein Ende finden - hoffentlich habe ich recht." Die zweite Bedeutung umschreibt Ebner so: "Wer sich etwas Besseres dünkt, der hat Dünkel. Dabei bildet er sich zu Unrecht etwas auf sich ein, ist hochmütig und hält sich für etwas, was er nach dem Gutdünken (Urteil) seiner Zeitgenossen nun einmal nicht ist." Ob dünken in der einen oder anderen Bedeutung verwendet wird, gemeinsam ist ihnen die sprachgeschichtliche Verwandtschaft zum Verb denken.

Oder das schöne Wort minnen. Es ist schon im Althochdeutschen belegt. Unlängst fragte ich meinen Freund Klaus, warum er am Feiertag zwei Stunden später zum Tarockstammtisch gekommen ist. "Hast du Minnedienst geleistet?" Hatte er nicht. Er hatte mit seinem Bruder Tischtennis gespielt.

Jakob Ebner hat auch seltene Mundartausdrücke in sein Buch aufgenommen, zum Beispiel Auswärts für Frühling, Fürtuch für Arbeitsschürze, Ergetag für Dienstag - ein seltenes Beispiel für Wörter aus dem Gotischen, in diesem Fall kann die Herkunft sogar bis zum griechischen Kriegsgott Ares zurückverfolgt werden.

Und wie können wir dazu beitragen, dass die vom Aussterben bedrohten Wörter der Vergessenheit entrissen werden? Das Buch kaufen und sie verwenden!




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-13 17:07:15
Letzte Änderung am 2018-11-14 10:07:14


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