• vom 18.11.2018, 11:00 Uhr

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Liebe mit der Erde machen




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Die Ökosexuellen kommen. Wo? Zum Beispiel im Wald! Solche Kalauer drängen sich auf, wenn man über diese spezielle Form von Naturliebhabern schreibt, die offenbar immer mehr werden - obwohl sie hauptsächlich Intimkontakt mit Bäumen praktizieren, Steine streicheln oder leidenschaftlich umarmen, sich im Staub und Schlamm wälzen und hingebungsvoll an Blüten lecken. Ökosexuelle finden die Natur sinnlich und sexy und sprechen sogar von einer neuen sexuellen Identität.

    Weit über 100.000 Bekennende sollen es schon sein, die am liebsten "Liebe mit der Erde machen". Weltweit gesehen ist das zwar nicht übermäßig viel, kaum anzunehmen, dass sich die Erde davon sexuell belästigt fühlt. Schließlich geht es dabei auch um ihre Rettung. Wer die Erde als Geliebte sieht, so lautet das Credo der Ökosexuellen, setzt sich mit größerem Engagement dafür ein, dass sie nicht durch den Klimawandel zerstört wird. So weit so gut, aber muss man dazu unbedingt Sex mit ihr haben? Und was geschieht, wenn die Liebesaffäre vorbei ist?

    Die amerikanische Autorin, Performance-Künstlerin und ehemalige Pornodarstellerin Annie Sprinkle und die Künstlerin und Kunstprofessorin Elizabeth Stephens haben die Bewegung der Ökosexuellen maßgeblich beeinflusst. Auf ihrer Homepage beschreiben sie ihre Philosophie folgendermaßen: "The Earth is our lover. We are madly, passionately, and fiercely in love, and we are grateful for this relationship each and every day. In order to create a more mutual and sustainable relationship with the Earth, we collaborate with nature. We treat the Earth with kindness, respect and affection."

    Sex sells, das gilt offenbar auch für Ökosex, und so ist es den beiden mit ihren Projekten gelungen, Aufmerksamkeit für die gute Sache, nämlich die Erdrettung, zu bekommen. Und ganz nebenbei auch für die eigene Sache, ihre Kunst. Diese hat durchaus Witz. Zum Beispiel, wenn Sprinkle und Stephens ein Ökosex-Lexikon kreieren mit (hier übersetzten) Wortschöpfungen wie pollenamourös, Ökobitionist, Biophilie, Ökomasochist, Gynökologie, Snowjob, biosexuell, Ökohetero, ökogene Zonen usw. "Das Normale ist das seltenste Ding auf Erden", schrieb schon W. Somerset Maugham - und so fragt man sich bei neuen Strömungen, ob man auch selber dafür anfällig ist.

    Da zeigt so ein Baumstamm mit Rinde plötzlich fast aufdringliche Sinnlichkeit. Und bei einem harmlosen Waldspaziergang kitzeln Äste am Nacken und klatschen Zweige aufs Gesäß. Eine Unterscheidung steht an: Ist der Baum männlich oder weiblich oder zweigeschlechtlich? Nur damit man nichts verwechselt, falls man eindeutig ökoheterosexuell ausgerichtet ist.

    Meine Obstbäume erscheinen mir neuerdings auch recht keck, liefern sich dem stürmischen Föhn aus, lassen die Blätter fallen und stehen nackt und kahl vor mir. Nein, meine Lieben, auf diese Weise macht ihr mich nicht an! Erst wenn der Frühling kommt und ihr verführerisch blüht, verliebe ich mich vielleicht wieder in euch.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-15 13:55:20
    Letzte Änderung am 2018-11-15 14:00:36


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