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Update: 21.11.2018, 10:28 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Ist es nur eine Worthülse oder ein ausdrucksstarkes neues Wort? Jedenfalls ist der Satz immer öfter zu hören: "Es braucht ein neues Narrativ!"

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Die EU sei zwar "ökonomisch ein gewaltiger Fels", auf Dauer werde aber der Binnenmarkt nicht genügen, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Mai dieses Jahres. "Wir brauchen hier ein neues Narrativ, eine neue Erzählung über den Sinn der Union." Das gemeinsame Narrativ der 1950er Jahre - "Nie wieder Krieg gegeneinander" - sei zu lange her und schon selbstverständlich. Das ökonomische Narrativ allein werde nicht reichen.

Auch der frühere EU-Kommissar Franz Fischler hatte gemeint, dass die EU etwas Neues braucht. Die EU-Verträge seien das Skelett, eine Basis - dazu müsse man ein Narrativ entwickeln. "Wir müssen Europa ein modernes zukunftsweisendes Gesicht geben."


Die zwei Beispiele zeigen, dass das Wort Narrativ meist rückwärtsgewandt verwendet wird. Das alte Narrativ sei abgedroschen, über das neue erfahren wir recht wenig. Der einzige Slogan, der lautstark zu hören ist, kommt ebenfalls aus dem Bereich der Ökonomie: Wenn wir uns auf die USA nicht mehr verlassen können und der Aufstieg Chinas zur bedeutenden Wirtschaftsmacht bevorsteht, müssen wir Europas ökonomische Fitness verbessern. Mit diesem Argument lockt man allerdings keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Bliebe noch das Narrativ, dass die EU für Steuergerechtigkeit sorgen werde: Auch multinationale Unternehmen sollen angemessen ihre Steuern zahlen, so wie jeder kleine Gewerbetreibende auch, und europäische Steueroasen müssen ausgetrocknet werden. Entsprechende Ansätze sind vorhanden, für ein Narrativ reichen sie nicht aus.

Das Wort stammt übrigens aus der Soziologie. Dort versteht man unter Narrativ eine sinnstiftende Erzählung mit großer Strahlkraft, eine Geschichte, die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Bekannte Beispiele sind der Mythos "Vom Tellerwäscher zum Millionär" und der Slogan "Wettlauf zum Mond". Letzterer hat in den USA die Nation hinter einer Idee versammelt. Dies ist Donald Trump mit "America first" nicht gelungen.

Der Begriff Narrativ geht zurück auf das 1979 erschienene Werk "La condition postmoderne" von Jean-François Lyotard. Darin dekonstruiert der französische Philosoph zwei "Meistererzählungen" (frz.: "méta récits"), mit denen sich die Moderne bisher Legitimation verschafft habe, nämlich Immanuel Kants Erzählung von der zunehmenden Selbstbefreiung des Individuums durch Aufklärung und Georg Wilhelm Friedrich Hegels Erzählung vom allmählichen Zu-sich-selbst-kommen des Geistes als Ziel der Geschichte. Im Englischen wurde "méta récits" als "meta-narrative" bzw. "grand narrative" übersetzt, von dort gelangte der Ausdruck ins Deutsche.

In Österreich hat Sebastian Kurz ein zugkräftiges Narrativ gefunden: "Ich habe die Balkanroute geschlossen" - diesen Satz haben wir oft gehört. Seine jetzige Politik zielt darauf ab, Österreich für Flüchtlinge möglichst unattraktiv zu machen. Das wollte die Mehrheit der Wähler so haben. Die SPÖ wird gut beraten sein, dieses Narrativ nicht zu bekämpfen, sondern ein ganz anderes Narrativ zu entwickeln. Dieses müsste in den nächsten Tagen und vor allem am kommenden Wochenende beim Bundesparteitag der SPÖ sichtbar werden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-20 16:31:22
Letzte Änderung am 2018-11-21 10:28:24


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