• vom 21.11.2018, 16:18 Uhr

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Update: 22.11.2018, 12:10 Uhr

Maschinenraum

Das Ende der Straße




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Von Walter Gröbchen

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  • Sollen Autos, die der Zeitgeist überholt hat, den direkten Weg in die Schrottpresse nehmen?



Ich fahre, wenn ich Auto fahre (und zwar mein Auto, nicht irgendwelche Leihwägen), eine alte Rostschüssel. Wobei: Gar so rostig ist das Fahrzeug nicht, ich steuere es regelmäßig in die Werkstatt und es erhält alljährlich eine gültige staatliche Prüfplakette, im Volksmund "Pickerl" genannt. Es handelt sich um einen Opel Zafira der ersten Serie, Baujahr 2000. Ich meine, der Wagen ist noch einigermaßen gut in Schuß - aus Sicht eines Autoverkäufers ist er freilich fast schon ein Oldtimer. Allerdings ohne wirklichen Oldtimer-Charme. Mit über zweihunderttausend Kilometern am Tacho, einigen Kratzern und Beulen im Lack und dem längst aus der Mode gekommenen Formfaktor eines Mini-Vans - heute fahren doch alle SUVs, nicht? - tut der Opel das, was er tun soll: mich von A nach B kutschieren. Und dabei jede Menge Lasten transportieren. Er tut das mitunter unter Ächzen und Stöhnen (ich sollte vielleicht einmal die Stoßdämpfer kontrollieren), aber sonst anstandslos. Und das seit 18 Jahren. Es wäre dumm, dem Auto nicht noch ein paar Jährchen zu geben. Gottlob ist der Opel kein Diesel. Denn dann hätte ich ein Problem. Auch wenn wir nicht in Deutschland unterwegs sind, wo demnächst Dieselfahrverbote nicht nur in Innenstadtzonen, sondern auch auf Autobahnen dräuen. Scharf überwacht von Kameras. Ich warte förmlich auf den Moment, wo Aufnahmen von "Dieselverbrechern" öffentlich affichiert werden. Noch ist man in Österreich etwas konzilianter, aber der Zeitgeist hat nun mal die technische Erfindung von Rudolf Diesel als Umweltsünder par excellence ausgemacht. Mit Bannflüchen versucht man ihn sich vom Hals zu schaffen - auch wenn jeder Fachmann erklären wird (allerdings oft nur hinter vorgehaltener Hand), dass die Vernichtung jedes halbwegs neuwertigen Dieselfahrzeugs in der Schrottpresse und sein Ersatz die Öko-Bilanz mehr belastet als das Weitertuckern bis zum Ende des natürlichen Lebenszyklus.
Der Diesel ist der Muslim des modernen Verkehrswesens. Keine Ahnung, ob es Instinkt war und eine Vorahnung des Kommenden, der mich zur Jahrtausendwende zum 108-kW-Benziner greifen ließ. Aber mit der Alternative - es gab damals kaum noch E-Autos - könnte ich bald nach Hause fahren. Für immer. Es gibt übrigens noch einen Grund, der mich wünschen lässt, der Opel möge weiter seinen Dienst tun. Er nervt mich nicht. Ganz im Gegensatz zu modernen Fahrzeugen. Also solchen, die allen elektronischen Schnickschnack eingebaut haben, der heutzutage en vogue ist. Ich meine damit nicht etwa ABS, Airbags und intelligente Stabilitäts- und Traktionskontrollsysteme - die machen allemal Sinn. Sogar über einen Notbremsassistenten lasse ich mit mir diskutieren. Aber Ein- und Ausparkhilfen, Spurhaltesysteme, Start-Stopp-Automatiken, Müdigkeitswarner, Head-up-Displays und was der Teufel noch alles, das mit ständigem Gepiepse und Geblinke auf sich aufmerksam macht, stören mich in der Konzentration auf das Wesentliche. Die Straße und ihre Bezwingung. Der alte Zafira tadelt mich nicht einmal, wenn ich den Gurt nicht nach zwei Sekunden angelegt habe. Er ist wie ein Freund am Beifahrersitz, der - eben! - nicht ständig nörgelt, mahnt und hyperventiliert.
Roll on!, Zafira. Das Ende des Weges ist noch weit.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-21 16:28:31
Letzte Änderung am 2018-11-22 12:10:28


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