• vom 24.11.2018, 11:00 Uhr

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Leben in der Falle




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Wie schrecklich! Jetzt bin ich doch glatt schon wieder in eine Falle getappt! Nein, keine dieser Fallen, wie Trickbetrüger sie einem stellen. Wobei: Neulich rief doch tatsächlich jemand an, der sich als Polizist ausgab und mich dringend aufforderte, die im Haus befindlichen Wertsachen einem netten Kollegen von ihm zu übergeben. Der werde in ein oder zwei Stunden vorbeikommen und die Sachen in Empfang nehmen, denn nur in den Händen der Polizei seien sie angesichts dramatisch steigender Einbruchsfälle sicher.

    Ich hatte die Masche - eine Einbruchsfalle sozusagen - natürlich gleich durchschaut und musste den Herrn enttäuschen. Erstens gebe es bei uns keine wertvollen Dinge, zweitens sei ich noch keine 80 und von leichtgläubiger Altersnaivität bisher verschont, und drittens hätte ich parallel zu unserem Gespräch die echte Polizei verständigt. Daraufhin brach, schwupps, die Verbindung ab.


    Nein, die Falle, in die ich, ja, gefallen bin und aus der ich nicht so einfach wieder herausfinde, ist eine dieser berüchtigten Ernährungsfallen, genauer gesagt: die Käsefalle. Jedenfalls bin ich neulich in der Buchhandlung meines Vertrauens über ein Buch gestolpert, das genau davon kündete: "Raus aus der Käsefalle. Warum der Verzicht auf Käse uns schlanker, gesünder und vitaler macht" (im Übrigen aus einem Verlag, der auch Bücher über Homöopathie für Katzen im Sortiment hat). Ach du meine Güte, dachte ich.

    Jetzt bin ich schon mit großer Mühe aus der Fleisch-und-Wurstfalle herausgeklettert, leichten Herzens der Zuckerfalle entstiegen und glücklich der hartleibigen "Fettlogik" entronnen, da tappe ich prompt ins nächste Loch. Wobei das ja im Grunde zwei Fallen in einer sind, denn was gibt es - "Käse schließt den Magen" - Feineres als ein paar kleine Käsestücke mit knusprigem Baguettebrot, quasi als Dessert?

    Weißbrot aber macht, so wird uns seit einiger Zeit eingetrichtert, nicht nur dick ("Weizenwampe"), sondern auch dumm, sprich: ist also ebenfalls eine Falle, aus der man eigentlich schleunigst raus muss. Gegen "schlanker, gesünder und vitaler" ist ja nun nicht wirklich etwas einzuwenden. Die Frage ist nur: Ist man damit auch glücklicher? Oder anders gefragt: Kann man es sich nicht vielleicht auch in der Falle ein bisschen gemütlich machen? Sie noch etwas auspolstern, mit schönem Rotwein etwa oder mit veganen, mit Agavendicksaft gesüßten Gummibärchen? Oder mit fair gehandelten blauen Kartoffelchips aus Peru?

    Vielleicht lässt sich die Falle so ja zur heimeligen Heimstatt machen, zu dem Ort, an dem man - mit Angela Merkel gesprochen - gut und gerne lebt. Die Falle als Chance, sozusagen.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-23 13:25:29
    Letzte Änderung am 2018-11-23 13:32:22


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