• vom 25.11.2018, 11:00 Uhr

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Lernen von anderen




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Das ist ein seltsamer Widerspruch: Alles wird zur Zeit nach wirtschaftlichem Ertrag bewertet, auch nach dem Ertrag, den es irgendwann einmal bringen könnte, vor allem in Zeiten des sogenannten "Anlagenotstands" (Wörter gibt’s neuerdings!), selbst das, was mit Wirtschaft eigentlich überhaupt nichts zu tun hat.

    So werden schöne alte Autos in Plastik eingeschweißt, auf dass kein Stäubchen den Hochglanz trübe, in dem sie, "better than new", in klimatisierten Räumen darauf warten, dass ihr Wert steige, den man in Fonds-Nachrichten (Oldtimer-Dax gibt es wirklich!) ablesen kann. Kunstausstellungen beziffern ihr Renommee nach Auktionssuperlativen, die Weine im Keller werden nicht mehr getrunken. Und in den Landstrichen, in denen früher "Wochenendhäuser" standen, reihen sich nun Kapitalanlagen. Kurz: Wir, so heißt das ja immer, haben gelernt, sozusagen vom Management und seinen Protagonisten, den Managern.

    Was nun überaus erstaunlich ist und geradewegs zum versprochenen Widerspruch führt: Denn die, die es in die Wirtschaftsabteilungen der Buchhandlungen verschlägt, werden, nicht anders als in den stromlinienförmigen Angeboten der Online-Shops, Angebote für eine Berufsgruppe finden, die offensichtlich so verunsichert ist, dass ihr jeder, aber auch wirklich jeder Berufszweig als Vorbild zum Lernen unterbreitet wird: Manager.

    Die verführerische Wortkombination ". . . für Manager" findet sich mittlerweile auf nicht nur geschätzt mehreren tausend Werken deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die alle selbstbewusst davon ausgehen, dass Manager von ihnen "lernen" können. Wettermoderatorinnen zum Beispiel, deren wesentliche Kompetenz darin besteht, mit der Handkante über Tiefdruckgebiete zu streichen, versprechen den unbeholfenen Spitzenkräften Charisma. Dirigenten werden in illustre Zirkel eingeladen, um dort Führungskräften die Kunst des "Orchestrierens" beizubringen. Pokerspieler, die es ja nun dank bestimmter Fernsehformate auch in die Öffentlichkeit geschafft haben, Bergsteiger, Torhüter, Piloten, ja sogar Bienen und Pferde, Delfine und Gänseblümchen (pardon, das war jetzt übertrieben - allerdings, weiß man’s?) werden bemüht. Eines bleibt unklar: Wenn wir also unsere Lektionen von Leuten gelernt haben, die von diesen anderen gelernt haben, müssten dann nicht eigentlich alle die, die ihre Profession zum Vorbild für andere Professionen machen (um ihr Konzept mit einer gewissen Logik zu unterfüttern), ihrerseits von anderen lernen?

    Da eröffnet sich nun ein interessantes Geschäftsfeld: Bücher für Bergsteiger, die von Wettermoderatorinnen lernen können, die ihrerseits von Piloten gelernt haben, deren Tätigkeiten - und jetzt wird es irgendwie schwierig - neuerdings auch Managementkompetenzen voraussetzen, die sie dann logischerweise von Managern lernen mussten, die von ihnen . . . irgendwie geht das nicht auf. Ich glaube, ich beschäftige mich mal lieber mit etwas anderem.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-23 13:25:34
    Letzte Änderung am 2018-11-23 13:31:05


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