• vom 27.11.2018, 15:17 Uhr

Glossen

Update: 27.11.2018, 17:45 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Geht Oppositionspolitik auch mit dem Florett?




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Pamela Rendi-Wagner kämpft nicht mit dem Bihänder

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Man kennt es ja: In langweiligen Sitzungen verwendet jemand einen ausgefallenen Begriff, der die Sache aber gut trifft - sofort wird das Wort von anderen in ihren Redebeiträgen aufgegriffen, in seinem Bedeutungsumfang erweitert, hinterfragt, verdreht oder ad absurdum geführt.

In der Politik ist es ähnlich. Zurzeit spielt diese Rolle das Wort Bihänder, im Spätmittelalter ein schweres Schwert, das nur beidhändig geführt werden konnte. Es war die technologische Antwort auf die immer dickwandigeren Ritterrüstungen.


Das Revival des Bihänders verdanken wir Christian Kern. Er sagte bei seinem Rücktritt als SPÖ-Chef: "Es ist nicht meine Sache, mit dem Bihänder auf Leute einzudreschen." Er sei also nicht der ideale Oppositionspolitiker.

Was folgte, waren hämische Kommentare in den Zeitungen. So schrieb beispielsweise "Die Presse": "Wollen wir so etwas in der österreichischen Politik? Menschen, die komplett in Eisen eingeschalt mit Visier, also unkenntlich gemacht, einander gegenübertreten und aufeinander einprügeln? Eine beunruhigende Vorstellung ist das. Könnte es sein, dass manche intelligente Menschen vor der Politik fliehen, weil es dort nicht nur um Tarnen, Täuschen und Taktieren und nicht um die Lösung von Sachproblemen geht, sondern auch ein mittelalterlicher Stil herrscht?"

Außerdem hat der scheidende Parteichef seiner Nachfolgerin einen Bärendienst erwiesen. Sie musste sich die Frage gefallen lassen, ob sie mit einem Bihänder umgehen könne. Sonst würde sie ja nicht dem Anforderungsprofil eines Oppositionspolitikers entsprechen. Pamela Rendi-Wagner reagierte erwartungsgemäß: "Der Bihänder ist jedenfalls nicht mein Stil."

In der letzten Ausgabe von "Profil" griff die zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures die Metapher auf. Zur Feststellung, dass Quereinsteiger oft überrascht sind, wie schmutzig Politik sein kann, meinte sie: "Man muss sich dagegen wehren, dass Politik als schmutziges Geschäft bezeichnet wird. Es geht auch nicht darum, dass man in der Opposition mit dem Bihänder auftritt. So etwas braucht man nicht, sondern gute Argumente und Konzepte."

Gräbt man tiefer in der Zitatenkiste, kommt eine schöne Glosse aus den "Salzburger Nachrichten" zum Vorschein. Der damalige Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner habe es schwer gehabt: "Einerseits hat er es mit einem SPÖ-Chef zu tun, der zwar wortreich beteuert, keinesfalls noch heuer wählen zu wollen - was ihn aber nicht daran hindert, ständig sein Wahlkampfflorett zu zücken und damit herumzufuchteln. (. . .) Und dann hat er es noch mit einem zunehmend gereizten Parteifreund und Innenminister zu tun, der bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit mit dem Bihänder auf Kern hindrischt."

Das Florett ist zweifellos das metaphorische Gegenstück zum Bihänder. Es wurde nie im Krieg verwendet, war immer nur eine Übungs- und Sportwaffe. Es zählen nur die Treffer am Körper, und zwar mit der Spitze. Die Chefin der Neos, Beate Meinl-Reisinger, hat unlängst gemeint: "Oppositionspolitik muss mehr können, als den Bihänder zu führen. Manchmal braucht es ein Florett, manchmal muss man mit einem Lächeln kontern."




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-27 16:28:38
Letzte Änderung am 2018-11-27 17:45:51


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Essen mit und ohne Fleisch
  2. Liebe, grundlos
  3. Lernen und PISA
  4. Ich will mein Schnitzel nicht mit Stäbchen essen müssen
  5. Wie uns das "Smartwater" von Coca Cola verführen soll
Meistkommentiert
  1. Wie uns das "Smartwater" von Coca Cola verführen soll
  2. Warum die Kanadier keine Kanaken sind
  3. Wüsten-Beschimpfung
  4. Dann gehen die Frauen halt mit dem linken Fuß nach rechts
  5. Ich will mein Schnitzel nicht mit Stäbchen essen müssen

Werbung




Werbung