• vom 28.11.2018, 15:55 Uhr

Glossen

Update: 29.11.2018, 11:16 Uhr

Glosse

Das Ende der Sehnsucht




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Der Kauf eines Sportwagens ist sinnvoll



Wie werde ich meinen Enkelkindern davon erzählen, wenn ich noch erzählen kann? Vielleicht so: Es gab einmal eine Zeit, da fuhren Autos nicht selbständig, man musste in eine Karte oder später auf ein Display schauen, bevor man losfuhr, es gab noch Tankstellen, die nach Benzin rochen, und man konnte die Innenstadt als Ziel wählen. Man brauchte einen Führerschein. Und, ja, alles war mit Eigenverantwortlichkeit verbunden - von der Geschwindigkeit, mit der man sich bewegte, bis zur Route, die man nahm. Sogar absichtslose Spazierfahrten, rein der Freude am Fahren wegen, waren denk- und machbar. Es war jene Ära, als es noch öffentliche Parkplätze gab. Und es war kein Privileg der Oberschicht, ein Auto zu besitzen. Es war das Zeitalter der individuellen motorisierten Fortbewegung.

Sie endete im 21. Jahrhundert. So viel lässt sich in die nähere Zukunft hinein erzählen, ohne als Schwadroneur oder Science-Fiction-Autor etikettiert zu werden. Gestatten Sie mir eine Vision (die sich hoffentlich nicht erfüllen wird): Die kommende Generation an Elektro-Autos - etwa der fesche Jaguar iPace oder die Armada an Fahrzeugen, die uns Porsche, BMW, VW, aber auch Tesla, die Japaner und die Koreaner, in Aussicht stellen - ist nur ein Zwischenschritt. Sie badet ungebremst lustvoll in materieller und systemischer Opulenz. Sie tut so, als würde sie Kernprobleme der Gegenwart lösen, tut es aber nicht. Oder nur sehr am Rande. In fetten, schweren, überdimensionierten Luxuskutschen, deren Erzeugung und Betrieb mehr Ressourcen frisst, als Rosa-Brillen-Träger zuzugeben bereit sind, kann nicht die Zukunft liegen. Freilich lösen diese Autos altbekannte "Will haben"-Reflexe aus. Aber ich wage zu prognostizieren: Das Wollen wird abnehmen, das Können - im Sinn der faktischen und sozialen Leistbarkeit, aber auch der gesetzlichen Rahmenbedingungen - erst recht. Möglicherweise drastisch. Die Öko-Bilanzen werden im Gegenzug rasch zu kausalen Imperativen aufsteigen.


Meine Enkelkinder werden meine Schwärmerei für die Vergangenheit - wenn ich’s recht betrachte, eine gerade mal eineinhalb Jahrhunderte währende Epoche des Verbrennungsmotors - eventuell mit Unverständnis und Kopfschütteln quittieren. Und es als Hypothek werten, wenn ich ihnen von jenem letzten Auto erzähle, das ich knapp vor Torschluss noch als dezidiertes Spaßmobil erstanden habe. Die letzte Generation des Mazda MX-5 ohne Elektro- (und später: Wasserstoff-Brennstoffzellen)-Antrieb. Sie kennen meine Vorliebe für diesen Zweisitzer mit Fetzendach, die neueste Variante mit 184 PS (ja, man maß einst in Pferdestärken!) ist knapp an der Grenze zur Perfektion. Auch was das Preis-/Leistungsverhältnis betrifft. Ich gestehe: Ich habe mir dieses Fahrzeug geleistet, im wahrsten Sinn des Wortes. Auch als lange noch betriebsbereites, dreidimensionales Symbol eines Lebensstils, der Freiheit mit Autos verband. Sind diese Zeilen ein Abgesang? Ja und nein. "Das letzte Auto, das gebaut werden wird, wird ein Sportwagen sein." Dieser Satz von Ferry Porsche eignet sich nicht als Werbespruch. Aber er erzählt von Sehnsüchten - und ich ahne, dass meine Enkelkinder nicht frei von ihnen sein werden.




Schlagwörter

Glosse, Sportwagen

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-28 16:07:34
Letzte Änderung am 2018-11-29 11:16:32


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