• vom 01.12.2018, 11:00 Uhr

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Tricks gegen Kindertrotz




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Mein Bub, der sich lange so kooperativ gab wie die Wiedergeburt des Penchen Lama, legte diese Eigenschaften fast punktgenau zu seinem zweiten Geburtstag ab. Und startete eine Rebellion. Was seine Eltern, Anhänger der Idee, dem Nachwuchs Raum zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zu geben, mit größtem Stolz erfüllte. Dieser Knabe, freuten wir uns, wird dereinst kein Duckmäuser sein, kein Untertan oder Gefolgsmann von Rattenfängern!

    Freilich hatten wir da noch keine Ahnung, welche Herausforderungen der Prozess der Persönlichkeitsfindung an unseren Einfallsreichtum stellen würde. Die befreundete Mutter einer Achtjährigen verriet uns - mit einer Miene aus Großmut und Milde - Tricks gegen den Trotz: Erklären, Irritation und Entscheidungsfragen.

    Tatsächlich kamen wir mit dieser Taktik beim Essen recht gut weiter. Irgendwann spielt der Hunger den Eltern in die Hände. Das Anziehen gestaltet sich jedoch ungleich schwieriger. Ein Dialog, wie er sich bei uns jeden Tag abspielt:

    "Willst du die Windel im Stehen oder im Liegen anziehen?" - "Nein. Keine Windel anziehen." - "Willst du ins Schlafzimmer auf die Sprossenwand klettern gehen? - "Ja!" - "Dann musst du zuerst eine Windel und ein Leiberl anziehen." - "Nein. Nackert klettern." "Das geht nicht. Es ist Winter, es ist zu kalt. Du kannst es dir aussuchen. Entweder die Windel oder das Leiberl." - "Windel!" - "Ok. Also die Windel. Im Stehen oder im Liegen?" "NEEEEIN, keine Windel!"

    Irritation bewährte sich anfangs am besten. "Schau mal, heute ziehen dir Ameisen das Leiberl an." (Die "Ameisen" sind meine Hände, die hinter meinem Rücken hervor- und über die Wäschetonne in seine Richtung krabbeln. Das funktioniert zwei Abende recht gut. "Ist lustig!", spornt mich mein Sohn an. Am dritten Abend mag er "keine Ameisen mehr".)

    Neue Taktik, neues Spiel: "Wer passt in deine Pyjama-Jacke? Der Papa?" Ich tue so, als würde ich seine Jacke über den Kopf ziehen. "Passt nicht!", lacht er und ist amüsiert: "Noch mal!" Als erfolgreich erwiesen sich weiters: Der "Hand- und Fußschnapper", der Gliedmaßen in die Kleidung saugt. Der Pullover mit dem applizierten Teddybären. Sowie die elektrische Zahnbürste.

    Immer wieder passt sich der widerständige Geist allerdings an die Situation an. Das kann frustrierend sein, wenn das Anziehen schon eine Dreiviertelstunde dauert und der kleine Mann immer noch - vergnügt, aber nackt - umhertollt. Bis, und das ist die wahre Lektion, man die Auseinandersetzung nicht nur als Schule für Kreativität und Beharrlichkeit, sondern als Unterhaltungsprogramm begreift. "Wer passt in deinen Pyjama?" - "Schau mal Papa, Dinosaurier passt!"





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-30 13:28:32
    Letzte Änderung am 2018-11-30 16:30:05


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