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Update: 04.12.2018, 17:55 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Warum die Kanadier keine Kanaken sind




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Was Hans Knauß mit "Kanaken" wirklich meinte.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Worüber man sich aufregen kann. . . Der ORF-Co-Kommentator Hans Knauß soll beim Super-G in Lake Louise die Kanadier als Kanaken bezeichnet haben. Auf den Websites von Tageszeitungen, zum Beispiel von "Österreich" und von der "Kleinen Zeitung", konnte man lesen: "Als eine Zeitlupeneinblendung gezeigt wurde, monierte der ORF-Co-Kommentator, dass man die Szene besser zwei Tore später hätte ausstrahlen sollen und sagte: ,Also die Kanaken mit der Regie, da haben wir es noch ein bisschen.‘" ORF-Mann Oliver Polzer sei der verbale Ausrutscher von Knauß aufgefallen, deshalb habe er korrigierend eingegriffen: "Kanadier, ein liebevollerer Ausdruck." Da sei es aber schon zu spät gewesen. "Auf Twitter empörten sich gleich mehrere User über Knauß."

Ich habe mir die Passage auf YouTube angehört, für mich klingt sie so: "De Kanakn, mid da Reschie do hommas no a bissl." Gemeint war: "Die Kanadier, mit der Regie kommen sie noch nicht zurecht."


Es geht hier um zwei ähnlich klingende Wörter. "Canuck" ist in den USA ein leicht abwertender Ausdruck für einen Kanadier. Das Wort wird auf der zweiten Silbe betont, wobei das u wie ein a ausgesprochen wird: kanak. Im "Online Etymology Dictionary" liest man, dass es sich vermutlich um eine Vermengung von "Canada" und "Chinook", einem Indianerstamm am Unterlauf des Columbia Rivers, handelt. Ein erfolgreicher Eishockey-Klub nennt sich Vancouver Canucks.

Das Wort "Kanake" hat eine andere Herkunft. Es ist entlehnt vom hawaiischen kanaka für "Mensch", der Bezeichnung der polynesischen Ureinwohner von Hawaii für die Neukaledonier. Wie es in den deutschen Sprachraum gelangte und warum es eine negative Bedeutung erhielt, ist unklar.

Hans Knauß hat als ehemaliger Skirennfahrer wohl den Ausdruck "Crazy Canucks" im Gedächtnis gehabt. So nannte man die waghalsigen kanadischen Abfahrer Jim Hunter, Dave Irwin, Dave Murray, Steve Podborski und Ken Read. Knauß sagte allerdings nicht Canucks (kanaks), sondern Canucken (kanaken), er hat dem englischen Wort eine deutsche Mehrzahlendung verpasst. Dadurch entstand ein Gleichklang mit dem Schimpfwort Kanaken. Oliver Polzer ist das sofort aufgefallen, er sagte. "War aber nicht als Schimpfen gemeint." Knauß: "Nein, überhaupt nicht!" Polzer: "Canadian Canucks!" Auf den Websites der Tageszeitungen wurde Polzers Erläuterung nicht zitiert. Diesfalls hätte jeder sofort erkannt, dass es sich um einen Sturm im Wasserglas handelt. Denn die Kanadier als Kanaken und nicht als Canucks zu bezeichnen, ergäbe keinen Sinn.

So ist das mit der Political Correctness und mit den sozialen Medien, die oft gar nicht sozial sind. Es begann auf Twitter: "@ORF ist das OK wenn #Knauss live kommentiert ,Kanaken in der Regie‘?" Zeitungen greifen den Tweet auf und geben ihm einen Stellenwert, den er nicht verdient. Und sie fungieren als Multiplikatoren, denn auch diese Meldungen werden geteilt. Haben sich zunächst "mehrere User" empört, sind es bald viele. Auf der Website der "Kleinen Zeitung" ist wenigstens das Original-Video eingebettet. Wer es anklickt, kann den kompletten Dialog zwischen Knauß und Polzer hören. Aber wer macht das schon?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-04 16:19:36
Letzte Änderung am 2018-12-04 17:55:36


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