• vom 05.12.2018, 17:24 Uhr

Glossen

Update: 10.12.2018, 14:43 Uhr

Glosse

Wüsten-Beschimpfung




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Manches, was uns Computer-Giganten als Fortschritt andienen, ist nur eine behübschte Verschlimmbesserung.



Neulich stieg ich auf "Mojave" um. Das ist kein exotischer Longdrink mit Kakteen-Geschmack, sondern das aktuelle Desktop-Betriebssystem von Apple (ausgesprochen: "Mohhaawe"). Die eigentliche Bezeichnung lautet macOS 10.14, aber das merken sich nur Computertechniker. Es war wie immer: Man liest die Jubelberichte der Fachpresse, nickt ungläubig, aber hoffnungsfroh mit dem Kopf, schickt ein Gebet zum Himmel, dass das System einigermaßen kompatibel ist mit all den alten Programmen, die man auf seiner Festplatte lagert, vergisst einmal mehr, von dieser eine externe Sicherungs-Kopie zu ziehen, und drückt den Startknopf für das Update. Auch, um sich selbst zu belohnen: Man möchte ja auf der Höhe der Zeit sein. Auf antiken Rechnern vor Baujahr 2012 läuft "Mojave" - davor war "High Sierra" - nicht mehr. Gehört eh längst ausgemustert. Oder? Der MacMini im Keller tut doch noch seine Dienste - und der alte Scanner läuft nur mit ihm im Gespann. Das aber tadellos.

Wozu also diese ständigen System-Sprünge, Upgrades und Mini-Updates (die wie das Amen im Gebet folgen)? Mehr Sicherheit, mehr Features, mehr Eleganz, höre ich Apfel-Anbeter flüstern. Eventuell auch: weniger Lahmheit in der Datenverarbeitung generell. Man kennt derlei ja auch aus der Windows-Welt. "Never change a runnig system" ist der Leitspruch der Angsthasen. Immerhin ist’s zumeist kostenlos. Augenfällig wird, nachdem die ganze Prozedur durchgerattert ist, eine optische Veränderung: eine "Dark Mode" genannte dynamische Einfärbung des virtuellen Schreibtisches und vieler Applikationen, um - laut Apple - den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Oho! Überhaupt will mir der große Bruder aus Cupertino mehr Ordnung beibringen: Auf Mausklick hin bildet das Operating System kleine Häufchen ("Stacks") meiner sonst eher chaotisch durcheinander gewürfelten Dokumente. Auch die "Vorschau" wurde verbessert: Sie zeigt nun auch Metadaten an. Man kann zudem kurze Sprach-Memos aufnehmen, zielstrebig sein smartes Heim bedienen, die Privatsphäre-Einstellmöglichkeiten sind logisch zwingender. "Viele kleine Neuerungen, die den Computer-Alltag vereinfachen", lautet denn auch das gängige Fazit der Routiniers.


Aber ist das alles wirklich ein großer Schritt nach vorn? Ich habe da so meine Zweifel. Und ärgere mich über viele kleine Neuerungen, die mir den Computer-Alltag eher vermiesen. Zwei Beispiele. Eins: Die kleine "Bildschirmfoto"-App kann jetzt mehr als früher, ist aber auch viel umständlicher zu bedienen. Zwei: Alle Fotos trudeln jetzt - aber daran ist wohl eher das neueste iOS-Update für Apple-Mobilgeräte schuld - im zwangsprogressiven HEIF-Bildformat (High Efficiency Image File; Dateiendung .heic) ein. Eh nett, weil platzsparend bei gleicher Qualität wie jpg-Bilder. Allein: Windows-Geräte können versandte Dateien nicht öffnen. Zum Haareraufen! Freilich kann man das auf seinem iPhone wieder um- und abstellen, wenn man sich durch die entsprechenden Menüs wühlt.

Sie dürfen das ruhig als Gemecker eines konservativen Kleingeists abtun! Aber ich wäre wirklich froh, wenn der nächste Evolutionsschritt - und somit der Exodus aus der "Mojave"-Wüste - ein paar Jährchen auf sich warten lässt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-05 17:34:39
Letzte Änderung am 2018-12-10 14:43:45


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