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Sedlaczek am Mittwoch

Empört euch!




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die FPÖ wirft der Caritas vor, sie sei Teil einer "Asylindustrie". Woher kommt der Ausdruck und was soll er bewirken?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Ursprünglich war mit Industrie etwas anderes gemeint: Das lateinische industria bedeutete Fleiß und Betriebsamkeit, anfangs auch im Deutschen. Dann verstand man darunter den Gewerbefleiß und das Gewerbe, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts werden damit Betriebe bezeichnet, die Konsum- und Produktionsgüter in einer Massenproduktion herstellen.

"Industrie & Glück" steht seit dem Biedermeier auf der zweitkleinsten Tarockkarte - vermutlich hat man damals noch an den Fleiß gedacht, der gepaart mit Glück zum Erfolg führen soll. Jedenfalls war "Industrie & Glück" namensgebend für eine große Zahl recht ähnlicher Kartenbilder - zwei davon hat die Wiener Kartenspielefabrik Ferd. Piatnik & Söhne noch heute in ihrem Programm. Aber inzwischen hat "Industrie" auch einen leicht negativen Klang. Wir denken an industrielle Massenware im Gegensatz zu handwerklich oder bäuerlich hergestellten Waren. "Der Tischler macht’s persönlich" - soll heißen: das große Möbelhaus nicht. Industrielle Produkte haben in manchen Bereichen nicht so viel Flair wie jene aus kleinen Betrieben.

Mit dem Wort "Asylindustrie" sollen also all jene, die sich um Asylwerber oder um anerkannte Flüchtlinge kümmern, in ein schiefes Licht gerückt werden. Erfunden hat den Begriff ein deutscher Publizist. Udo Ulfkotte hat das Wort als Titel für ein Buch gewählt, das 2015 erschienen ist. Zuvor war er jahrelang politischer Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", schrieb mehrere Bestseller, geriet dann aber in rechtspopulistisches Fahrwasser. Er war Mitbegründer des Vereins "Pax Europa", unterstützte die Bremer Wählervereinigung "Bürger in Wut" und trat bei einer Kundgebung der Pegida auf.

In einer Veranstaltung des FPÖ-nahen "Liberalen Klubs Oberösterreich" behauptete Ulfkotte im März 2016, dass der Umsatz der "Asylindustrie" in Europa, "wenn das alles so weitergeht", bald größer sein werde als der weltweite Umsatz von Siemens. Aus seiner Sicht ist die "Asylindustrie" nahezu allmächtig: Sie könne die Migrationsströme "zielgerichtet steuern, anheizen und ausnützen" und sich somit an der Armut bereichern. "Selbst wenn die Balkanroute geschlossen wird - so what? Entschuldigung, es gibt genug andere Routen!"

Berechnungen, die Ulfkotte zur Untermauerung seiner Argumente vorbrachte, waren häufig nicht nachvollziehbar. Aber wen hat das gestört? "Empört euch!" war die allgemein verständliche Botschaft. Ein Ziel der Empörung sollen auch jene Organisationen sein, "die nach außen hin so ethisch und so moralisch korrekt tun", in Wirklichkeit aber nur aus Gewinnstreben handeln. Der beim Vortrag anwesende Welser Bürgermeister Andreas Rabl und Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner (beide FPÖ) sprachen in anschließenden TV-Interviews Klartext: Gemeint ist die Caritas.

Ein knappes Jahr später starb Ulfkotte an einem Herzinfarkt. Daraufhin grassierten unter seinen Anhängern wilde Verschwörungstheorien: Wurde er wegen seiner Asylkritik ermordet? War er gerade dabei, einen Pädophilenskandal aufzudecken, in den ein inzwischen verstorbener deutscher Politiker verwickelt war? Beweise für all das: Keine!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-08 16:44:29
Letzte Änderung am 2019-01-17 14:22:56


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