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Update: 10.01.2019, 10:26 Uhr

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Stromrechnung




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Von Walter Gröbchen

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  • Ein Jaguar I-Pace kann nichts für fehlende Stromtankstellen. Ein halbwegs versöhnlicher Abschluss des E-Auto-Praxistests (3).



Irgendwann muss ich Ihnen ja verraten, mit welchem speziellen Gefährt ich die Weihnachtsfeiertage über unterwegs war. Dass es sich um ein Elektroauto handelte, blieb kein Geheimnis. Aber welches? Es sei hiermit verraten: einen nigelnagelneuen Jaguar I-Pace. Das Modell - ein vom Design her erfrischendes, weil trotz Protzdimensionen elegant-fluides Mittelding aus Sportcoupé und SUV - gilt manchen als Tesla-Killer.

Sagen wir so (um ein Teilfazit vorwegzunehmen): Es ist eine valide europäische Alternative zu den Oberklasse-Limousinen des US-Herstellers. Auch wenn die ur-britische Marke Jaguar - Lieferant des Königshauses! - gemeinsam mit Land Rover mittlerweile dem indischen Tata-Konzern gehört, wird der I-Pace bei Magna in Graz hergestellt. So gesehen ist es zwar nicht der von Bruno Kreisky einst propagierte "Volksporsche", aber das erste brauchbare österreichische E-Auto. Doch halt! Man google nach "Egger-Lohner C.2", zugleich der früheste Porsche (weil von Ferdinand Porsche konstruiert). Die Reichweite des kutschenähnlichen Mobils lag bei rund 80 Kilometern. Das war 1898. Also vor gerade einmal 120 Jahren! Man raune und staune.


Aber zurück zum I-Pace. Der erste voll elektrifizierte Jaguar ist zweifellos auf dem Stand von heute. Er fügt sich früh und gut ein in die Armada an E-Droschken, die vorrangig von deutschen Premium-Herstellern für die nächsten Monate angekündigt sind. Ihre Reichweite? Allesamt über 400 Kilometer. Auf dem Papier. Aber reicht das? Und wieder ein vorweggenommenes persönliches Fazit: nur, wenn das E-Tankstellennetz mitspielt. Die Schwäche dieser mächtigen (und teuren), antrittsstarken und dabei lautlosen, innovativen und doch noch mit vielen Fragezeichen versehenen neuen Fahrzeugklasse ist ihre Infrastruktur. Das wird Ihnen spätestens dann klar, wenn Sie am Stefanitag in der Eiseskälte in der Donaukraftwerkstraße 1 in Stockerau stehen - die Raststation hat wegen des Feiertags geschlossen, die Ella-Schnellladestation ist immerhin in Betrieb - und der Strom nur ganz langsam in ihr Luxusgefährt kriechen will. Nebenan, bei einem vergleichsweise billigen Kia flutscht es weit besser. Aber der CCS-Anschluss mit 50 Kilowattstunden verweigert zunächst die Zuarbeit ("Isolationsfehler. Eine unsichere Situation wurde verhindert"). Und der herkömmliche AC-Anschluß, der auch probate 43 Kilowattstunden in Aussicht stellt, liefert in 20 Minuten gerade mal ein Zwanzigstel des Werts. Warum? Rätselraten. Die Kosten, sollte irgendjemand danach fragen, entsprechen in etwa dem Benzin-Äquivalent. Aber hat irgendjemand behauptet, dass Strom billig ist? Oh ja, die feixenden Tesla-Pioniere, denen man Gratisladung per "Supercharger" bis ans Lebensende ihrer Schlitten versprach. Bislang hält Elon Musk Wort. Das Rätselraten beim Jaguar ob seiner zähen Stromaufnahme hatte übrigens bald ein Ende: In der ersten Serie verbaut der Hersteller nur Ein-Phasen-Lader, die höchstens 7,2 Kilowatt Wechselstrom pro Stunde aus der Leitung zuzeln. Insofern ein ideales Fahrzeug für Pendler, die den I-Pace über Nacht in der Garage des Landhauses auftanken (am besten solar). Das alles fehlt mir, wohl noch länger.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-09 17:56:18
Letzte Änderung am 2019-01-10 10:26:20



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