• vom 11.01.2019, 09:00 Uhr

Glossen


Cyberkriminalität

Auf keinen Fall nasenbohren, wenn man am Computer sitzt




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Man weiß nämlich nie, ob nicht vielleicht grad ein Hacker zuschaut und man dann unerfreuliche Post bekommt.



Wenn mein Laptop eine Hose wäre (wieso sollte er eine Hose sein, was hätte er davon?), dann trüge er Gürtel und Hosenträger. Aber deswegen bin ich doch nicht gleich paranoid, oder? Bloß weil ich ihn doppelt schütze. Mit einem Antivirus-Programm und . . . Hosenträgern? Nein. Und einem Pflasterl! Auf dem Kameraauge. Denn lieber was draufpicken, bevor die Privatsphäre verletzt wird, als sich nachher genieren müssen, weil man vor Publikum die Hose verloren hat.

Mein Lieblingsarbeitsloser hat jetzt ein beunruhigendes Mail gekriegt. Angeblich von sich selber. Darin teilt ihm jemand, der natürlich nicht er selbst ist, mit, dass er ihm einen Lipizzaner in den Stall gestellt hätte. Tschuldigung: einen Trojaner. Kurz für Trojanisches Pferd. Und nun hätte er die volle Kontrolle über seinen PC. Könne alles mitlesen, mitschauen, mithören und vor allem: die Webcam einschalten. "Ich habe ein Video gemacht, das zeigt, wie du befriedigst dich . . . in der linken Hälfte des Bildschirms zufriedenstellen, und in der rechten Hälfte sehen Sie das Video, das Sie angesehen haben." Na und? Wie befriedigt man sich denn schon beim Filmschauen daheim? Mit Chips? Oder in der Nase bohren? (Okay, das wäre peinlich.) Würde der Bernard G. (sein richtiger und vollständiger Name ist jener Polizistin bekannt, die seine Anzeige aufgenommen hat) jedenfalls nicht innerhalb von 48 Stunden 349 Euro in Bitcoins überweisen, bekämen alle seine Kontakte . . . echt alle? Gut, also das AMS und seine Exfrau. Und ich. Und seine 87 Facebookfreunde, von denen ihn ohnedies höchstens zwei persönlich kennen. (Seine Exfrau und ich.)


Hm. Ein komischer Betrag. 349 Euro. (Überhaupt Geld zu fordern von jemandem, der im Überziehungsrahmen lebt. Vielleicht hätte der Erpresser vorher die Bonität seines Opfers überprüfen sollen.) Ach, wahrscheinlich war keiner bereit 350 Euro zu zahlen. Für eine unbewiesene Behauptung. "Der Beweis is, dass der mei Passwort kennt. Halt das alte von vor an Joa. Ich zitiere: ,Ihr Passwort zum Zeitpunkt des Hackens: mallorca3.‘" - "Mallorca3? Is des ned a bissl simpel? So wie ,123456‘?" - "Wieso? I konn jo bis sechs zählen. Oba i woa nie auf Mallorca. Wie sollt dieses Passwort irgendwer erraten? Des is so sicher wie der Name meiner Katze, die i goa ned hob." - "Warum donn ned wenigstens die Hauptstadt von Australien?" - "Stimmt. Genial. Glaubt doch jeder, des wär Sydney."

Und weil ich was Beruhigendes sagen wollte: "Du, des is garantiert olles a Schmäh. Der schreibt, er hätt di a poa Monate beobachtet. Des würd doch kana aushoitn, bitte. Du schlofst jo fost dauernd und sunst spüst stundenlang ,Die Sims‘ oder schaust Football und isst Pizza." (Bei einem depressiven Langzeitarbeitslosen zu spechteln, dessen Puls seit einem Herzinfarkt unbedingt unter 100 bleiben muss und der deshalb sogar "Die Sims" spielen muss, weil jedes andere Computerspiel zu aufregend für ihn wäre und lebensbedrohliches Kammerflimmern auslösen könnte, ist bestimmt kein Spaß.) - "I bin eh ned beunruhigt. I überleg sogoa, das Post-it, mit dem i immer die Webcam abdeck, zu entfernen. Aus reinem Sadismus." - "Äh, die Kamera woa sowieso die gonze Zeit abgeklebt?" - "Jo." - "Sog ned, auf dem Post-it steht dei neichs Passwort drauf." - "Doch."

Und was hat ihm die Polizei geraten, was er wegen des Mails unternehmen soll? "Einfach löschen und vergessen."




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Dokument erstellt am 2019-01-10 16:35:19


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