• vom 12.01.2019, 11:00 Uhr

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Gastro-Gondelbahn




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Vor wenigen Tagen postete ein alter Schulfreund aus Massachusetts in einem sozialen Netzwerk, dass sein dreijähriger Sohn die Nahrungsaufnahme eingestellt habe: "I have a three-year-old who will eat nothing. Nothing but yogurt or orecchiette with pesto. He’s always miserable because he’s starving. Dinner time is like the end of the fucking world in our house."

    Breie, Reis, Suppe, Hülsenfrüchte verweigere sein Sohn, selbst panierte Hendl-Stücke. So weit war es gekommen, dass er seinem Spross sogar diese Albträume aus Fett, Zucker und Industriefleisch vorsetzte.

    Mein Freund ist nicht der Einzige, der an den Nahrungsgewohnheiten seines Kindes verzweifelt. Nicht überall wird das Essen zur apokalyptischen Erfahrung, aber in beinahe jedem Gespräch, das ich mit anderen Eltern führe, kommt das Thema zur Sprache. Verschärft wird die Situation durch die quasireligiöse Bedeutung, die der Ernährungslehre in unseren Breiten zukommt. Mit ihrer anarchischen Essensexzentrik verstoßen Kleinkinder gegen alle Ge- und Verbote zeitgenössischer Ernährungsdogmatik.

    Das freilich irritiert Eltern wie mich, die zusehends daran gewöhnt wurden, nicht mehr das zu essen, was ihnen schmeckt, sondern was ihnen laut Kalorien- oder Nährstofftabellen guttut. Sich gesund zu ernähren ist eine hochkomplexe Aufgabe, umso mehr, als sich die Inhalte der Heilslehren ständig ändern und grundsätzlich widersprechen. Darin besteht übrigens auch ein großer Unterschied zwischen Ernährungslehren und anderen religiösen Systemen: Letztere sind - wenigstens bei oberflächlicher Betrachtung - in sich schlüssig.

    Zurück in die Praxis. Meiner Erfahrung nach erweisen sich Kleinkinder gegenüber elterlichen Steuerungsversuchen als erstaunlich resistent. Wenig ist möglich, wenn es nicht nach Spiel aussieht. Über viele Wochen war bei uns am Esstisch die "Gondelbahn" der Hit: Erbsen und Nudeln stiegen als "Passagiere" in die "Gondel" (den Löffel). Unser Sohn kontrollierte die Tickets, waren die in Ordnung, durfte die Gondel zur "Bergstation" (dem Mund) weiterfahren. Nicht ganz so beliebt waren Raumschiffe (Zielort: Mond) und Züge (Zielort: Tunnel).

    Inzwischen bleiben Bergstation, Mond und Tunnel immer öfter geschlossen. Feststoffliche Nahrung ist offensichtlich out. Eine Zeit lang klappte es noch mit Salami, Erdnusslocken und Butterbrot ohne Rinde. Auch kernlose Oliven kamen relativ gut an. Momentan trinkt er nur noch Hafermilch. Das dafür in erstaunlich großen Mengen. "Milch schmeckt sehr gut", kommentiert er mit ernster Miene.

    Bis zum Abendessen sollte uns jedenfalls besser ein neues Spiel einfallen. Damit sich das Ende der Welt noch einmal abwenden lässt. Tipps willkommen!





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-11 13:26:27
    Letzte Änderung am 2019-01-11 14:59:07



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