• vom 13.01.2019, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Sportliche Rückkehr des "Wir"




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald

    Es war vor einigen Wochen in der "Sportschau" der ARD, als Präsentator Alexander Bommes einen bemerkenswerten Satz fallen ließ. Zur Erklärung für alle, die sich nicht für die angeblich schönste Nebensache der Welt interessieren: Hier werden Samstag abends Woche für Woche spannende Reportagen und profunde Hintergrundinformationen zum deutschen Profi-Fußball geboten.

    Am erwähnten Abend nun ging es unter anderem um ein Spiel des Traditionsvereins Schalke 04. Bommes holte weit aus, berichtete von der Situation des Vereins ein Jahr zuvor, und dass die Blauweißen damals vor der Winterpause noch den zweiten Tabellenplatz belegt hatten. Vielleicht fragte sich der eine oder andere Zuseher bereits, wann denn nun endlich der Matchbericht folge, und der Fernsehmann, der dies wohl voraussah, stellte die rhetorische Frage: "Warum erzählen wir Ihnen das?"

    So eine Formulierung hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Schon gar nicht im Fernsehen: Ob Quizmaster, Präsentatorin einer Diskussionsrunde oder Nachrichtensprecher - seit Jahren sind nur noch Formulierungen wie "Meine Gäste heute sind . . ." oder "Im Studio begrüße ich nun . . ." zu hören. Nie ein "Wir". Klar, warum auch sollte die Ich-Bezogenheit, die täglich rundum zu vernehmen und zu spüren ist, vor dem Bildschirm Halt machen. In jedem Schuhgeschäft antwortet seit Jahren die Verkäuferin auf die Frage nach den passenden Stiefeletten oder Pumps: "Das habe ich in Schwarz oder in Braun." Als ob sie in ihrem eigenen Laden arbeitete. Früher hieß das doch: "Wir haben, wir führen" dieses und jenes Modell.

    Woher dieser Wandel? Anscheinend sind viele Menschen zu ihrem eigenen Mikrokosmos geworden. In ein größeres Ganzes eingebunden zu sein - was für ein absurder Gedanke! Wenig verwunderlich, wenn in der U-Bahn die eine Hälfte die Ohren verstöpselt hat und die andere auf dem Smartphone wischt. Alle in ihrer Blase gefangen. Man kann diese Entwicklung bedauern oder begrüßen - es ist nun einmal so.

    Und da stellt sich dieser Alexander Bommes vor die Kamera und fragt die Zuseher, "seine" Zuseher: "Warum erzählen wir Ihnen das?" Doppelt frappierend, da es ja in Wahrheit er und nur er alleine war, der diesen umfassenden Bericht präsentierte. Aber nein: Wir, also das Erste Deutsche Fernsehen, erzählen unseren Zusehern, worum es hier eigentlich geht. Ein Moderator, der dem Sender den Vortritt lässt und sich als Teil einer Gemeinschaft zeigt. Ich fand dies äußerst sympathisch - und gerade in diesem speziellen Fall sehr passend: "Moderat" bedeutet schließlich "zurückhaltend", auch "bescheiden".

    Warum übrigens erzählte Alexander Bommes die ganze lange Geschichte nun wirklich? Weil die Kicker von Schalke 04 im vergangenen Herbst so gar nicht gut spielten und weit von früheren Erfolgen entfernt sind. Wie es weitergeht, werden wir demnächst in der "Sportschau" erfahren - vielleicht wieder in Wir-Form.





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-11 13:26:28
    Letzte Änderung am 2019-01-11 14:57:21



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Darf man Mark Twain beim Wort nehmen?
    2. Hörende Herzen
    3. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
    4. It was 100 Years ago today
    5. Denkwerk Zukunftsreich
    Meistkommentiert
    1. It was 100 Years ago today
    2. Diskriminierte Diskriminierer
    3. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
    4. Fahrplan ohne Lesebrille
    5. Vorgeschmack auf den Brexit

    Werbung




    Werbung