• vom 15.01.2019, 16:06 Uhr

Glossen

Update: 16.01.2019, 09:20 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

"Wörter, deren Erfinder man umbringen sollte..."




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Auch das gibt es: die Angst vor den langen Wörtern. Die Psychotherapeuten haben dafür sogar einen Fachausdruck parat.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Vermutlich war Mark Twain kein Einzelfall, aber der amerikanische Schriftsteller hat es in einem 1880 erschienenen Essay amüsant und provokant formuliert: Die deutsche Sprache ist für jene, die sie erlernen wollen oder erlernen müssen, eine "schreckliche Sprache". Als besondere Schwierigkeit beim Erlernen der deutschen Sprache nannte er das Geschlecht der Hauptwörter, die Deklination der Eigenschaftswörter und das Prinzip der Satzklammer. Außerdem störte ihn die Länge der Hauptwörter. Manche wären so lang, dass man sie nur aus der Ferne zur Gänze sehen könne. "Freundschaftsbezeigungen", "Altertumswissenschaften" und "Unabhängigkeitserklärungen" seien "keine Wörter, sondern Prozessionen sämtlicher Buchstaben des Alphabets". Dass die Wortkombinationen, "deren Erfinder man hätte umbringen sollen", nicht in Wörterbüchern zu finden seien, ärgerte ihn zusätzlich. "Man kann sich also das Material Stück um Stück zusammensuchen und auf diese Weise schließlich auf die Bedeutung stoßen, aber es ist eine mühselige Plackerei." Ob es damals so war, weiß ich nicht, heute kann man jedenfalls derartige Wörter auf duden.de finden, man muss nicht die einzelnen Teile zusammensuchen.

Gerade die Bildung zusammengesetzter Hauptwörter ist eine Stärke der deutschen Sprache. Man kann nahezu beliebig viele aneinanderreihen, sogar ohne Bindestrich: Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän ist so ein Wort, jeder kennt es, oft werden noch einige weitere Teile angehängt.


Im praktischen Sprachgebrauch spielt dieses Kompositum allerdings keine Rolle. Wortungetüme gibt es heute vor allem in der Verwaltungssprache, dort werden sie auch verwendet.

Weil lange Wörter offensichtlich furchterregend sein können, ist sogar ein eigener Ausdruck für eine spezifische Phobie aufgetaucht: Hippopotomonstrosesquippedaliophobie. Bei diesem aus dem Englischen entlehnten Scherzwort passt die Form zum Inhalt. Der erste Wortteil ist hippopotamus, also das Nilpferd, das lateinischen Substantiv monstrum kennt jeder, bleibt noch sesquipedalian mit der Bedeutung sehr lang, wörtlich anderthalb Fuß lang, es geht auf Horaz zurück, der in seiner "Ars Poetica" meinte, in Tragödien sollten Trauernde keine langen Verben verwenden.

So ist das, lieber Mark Twain! Den Wortphobikern sei zum Trost gesagt: Es geht auch kürzer. Der richtige wissenschaftliche Fachausdruck lautet Sesquipedalophobie - ohne Nilpferd und ohne Monstrum. Diese spezifische Phobie kann mit Schwindelgefühlen und Herzrasen einhergehen.

Wer darunter leidet, vermeidet es, lange Wörter zu lesen, zu schreiben, zu sprechen oder auch nur an sie zu denken. Im Internet lese ich, was in so einem Fall zu tun ist: "Falls das Phänomen zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität führt, sollte ein auf dieses Feld spezialisierter Psychologe aufgesucht werden. Dieser kann sowohl eine fundierte Diagnose stellen als auch eine ausführliche und hilfreiche Psychotherapie durchführen." Wahrscheinlich wird es dann beim Training darauf hinauslaufen, sich von einfachen Texten mit kurzen Wörtern zu den Werken von Thomas Mann und Robert Musil hinaufzuarbeiten.




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-15 16:17:24
Letzte Änderung am 2019-01-16 09:20:25



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Überflüssige Ski-WM
  2. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
  3. It was 100 Years ago today
  4. Denkwerk Zukunftsreich
  5. Hörende Herzen
Meistkommentiert
  1. Diskriminierte Diskriminierer
  2. It was 100 Years ago today
  3. Das Internet wird nicht zum Weltnetz, sondern zum Netz
  4. Ist Nichtraucher zu sein ein Asylgrund?
  5. Ein wenig Rechtsbeistand kann nicht schaden

Werbung




Werbung