• vom 17.01.2019, 17:30 Uhr

Glossen

Update: 17.01.2019, 18:01 Uhr

Essverbot

Aber ein Zuckerl ist doch kein Essen, das ist ein hartes Getränk




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Auf allen Wiener U-Bahnlinien gilt jetzt: Trinken ja, Essen nein. Ist doch eigentlich gar nicht so kompliziert, oder? (Eigentlich.)



Am einfachsten wäre wahrscheinlich eine generelle Beißkorbpflicht in der U-Bahn. Und generell bedeutet nicht: für alle Hunde. Sondern für alle. Generell eben. Aber das wäre sicher eine Menschenrechtsverletzung. Und außerdem ziemlich unfair. Bloß weil ein paar von den Fahrgästen bissig sind, also dauernd irgendwo reinbeißen müssen (in eine Pizzaschnitte, in einen Burger . . .), müssen doch nicht gleich alle so herumlaufen wie der Hannibal Lecter, oder? So wie der ohnehin nicht. Seine Maske würde schließlich gegen das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz verstoßen. Und eh nicht sämtliche alle. Kinder wären natürlich ausgenommen.

Seit Kurzem gilt auf allen Wiener U-Bahnlinien ein generelles Essverbot. Für alle Spezies und alle Speisen. Klingt eindeutig. (Nix in den Mund stecken halt.) Das ist es allerdings nicht. Kinder, zum Beispiel. Die darf man angeblich trotzdem weiterhin mit Keksen ruhigstellen. (Mit Kebab nicht?) Aber nicht generell. Essverbot, hallo? Sondern lediglich in Ausnahmefällen. Und in welchen? - Wenn die Gfraster keine Ruh geben. (Blöde Frage.) Dabei gibt’s in Wien gar keine Kinder mehr. Die heißen jetzt "junge Menschen". Zumindest im Jugendschutzgesetz. Wurscht. Oder: Extrawurscht. Bei besonders jungen Menschen, vulgo Kleinkindern, wollen die Kontrollore jedenfalls ein Auge zudrücken. Was? Warum? Seh ich überhaupt nicht ein. Wer 365 Euro zahlt (für die Jahreskarte), oder meinetwegen 2,40 Euro für den Einzelfahrschein, der muss hungern, und wer sowieso schon gratis mitfährt (bis er sechs ist), bekommt obendrein noch was zum Futtern? Na ja, wenigstens nicht von den Wiener Linien. (Und wird der Kontrollor über das Leckerli für den Hund ebenfalls großzügig hinwegsehen? Nur wenn er echt süß ist. - Der Hund.) Kriegen ständig was reingeschoben, die Gschrappen. Die werden dann später als Erwachsene bestimmt viel U-Bahn fahren müssen. Zum Abspecken.

Erlaubt ist übrigens: Nägelbeißen, Daumenlutschen, Briefmarken ablecken (Briefmarken? Sind die nicht längst ausgestorben?), Kaugummi kauen. Dafür ist der Lolli dezidiert verboten. Schmäh-ohne? Das Lutschzuckerl am Stiel? Demnach wohl auch das Zuckerl ohne Stiel. Muss ich das vorm Einsteigen ausspucken? Und seit wann ist das ein Essen, bitte? Das ist ein hartes Getränk! (Hart nicht wie Schnaps, hart wie Stein.) Das muss halt erst mit dem Speichel flüssig gemacht werden. Ein löslicher Saft quasi. Und Trinken ist doch gestattet, oder etwa nicht? Sofern der Drink nullprozentig ist: ja. He, wäre das nicht "die" Lösung? Sein Essen nicht essen, es kurzerhand trinken! (Genial.) Okay, Bier (bekanntlich flüssiges Brot) kommt leider nicht in Frage. Da ist Alkohol drin. (Und alkoholfreies Bier?) Bleibt folglich bloß noch: das Babyflascherl? Oder "Astronautennahrung". Diese Trinkmahlzeiten enthalten alle wichtigen Nährstoffe.

Und sonst kann man immer noch auf Bus und Bim ausweichen. Wirklich? Wurde allen Ernstes ein Ersatzverkehr für Fresssüchtige eingerichtet, die es keine zehn Minuten "ohne" aushalten? Nein, das Essverbot nur nicht auf sämtliche Öffis ausgeweitet. Ach, am besten, man stopft in der U-Bahn frech eine Pizza in sich rein. Strafen sind eh keine geplant. Die Wiener Linien setzen lieber auf gutes Zureden. Lässt man den Typen also labern, bis man seine Station erreicht hat und endlich aussteigen kann.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-17 17:41:31
Letzte Änderung am 2019-01-17 18:01:44



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