• vom 18.01.2019, 17:34 Uhr

Glossen

Update: 21.01.2019, 10:50 Uhr

Glossenhauer

Nicht so genau




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Von Severin Groebner

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  • In den Sozialen Medien stellen User genannte Menschen ihr Privatestes ins Schaufenster. Es geht aber auch anders.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Schon längst hat der Wettbewerb der öffentlichen Privatheit begonnen. Er heißt: Wer lässt die Hose am weitesten runter? Schriftstellerinnen beklagen auf Facebook, dass sie trotz ihrer immensen Intelligenz keinen Freund finden, ihre männlichen Kollegen legen im deutschen Feuilleton ihre Kokssucht und ihren Bankrott offen. Bei beidem frage ich mich: "Will ich das so genau wissen?"

Der Begriff "Rückzug ins Private" trifft das Phänomen nicht, es ist eher eine "Offensive der Distanzlosigkeit". Was kommt als Nächstes? Fotos von der Prostata-Operation auf Instagram? Videos vom Anal-Piercing mit GPS-Funktion? Oder sind wir da eh schon? Wahrscheinlich.


Missverstehen Sie mich bitte richtig: Natürlich hat jede und jeder das Recht, so viel von sich preiszugeben, wie er oder sie will. Es stellt sich nur die Frage: Wozu? Warum? Und wen interessiert das?

"Aber, aber", höre ich den digitalisierten Volkshohlkörper rufen, "wir haben jetzt schon soundsoviele Klicks." Eh. Sicher. Aber ist es nicht ein bisschen wie ein Autounfall, wo abgerissene Gliedmaßen über die Straße verteilt neben dem brennenden Wrack liegen? Zum Rettungswagen daneben zieht sich eine Blutspur. Es ist ekelhaft, erschütternd, grauslich . . . aber wegschauen kann man halt auch nicht. 356.104 vorbeifahrenden Schaulustigen gefällt das.

Oder anders gesagt: Dummheit ist auch faszinierend. Wenn man sich nicht rechtzeitig abwendet und den Blöden deppert sterben lässt, steht man noch Jahrzehnte später mit offenem Mund da und sagt sich: "Unglaublich, wie deppert der ist." Fragen Sie einmal im FPÖ-Wahlkampf-Team nach, die spielen seit
33 Jahren auf diesem Klavier.

Mein Lieblingsmedium (nach der "Wiener Zeitung", versteht sich) ist von Kindesbeinen an das Radio. Auch damit kann man Medien und Privatheit durchaus in traute Eintracht bringen. Nur eben andersrum. Ich, ganz privat, koche, streiche die Küche, schmiere ein Butterbrot, sauge Staub, sitze im Zug, male ein Bild fürs New Yorker Museum of Contempory Art, mahle Kaffee, mahle mit den Zähnen oder tu sonst etwas Sinnvolles, für das ich mein Sprachzentrum nicht brauche, und höre dabei Radio. Immer schon. Ich habe schönste Radio-Erinnerungen. Wer noch nie ein Fußballspiel live gehört hat (lang, lang ist’s her), weiß nicht, wie spannend dieser Sport sein kann. Und ohne Werbung am Spielfeldrand! Auch in diesen digitalen Zeiten hat die Hälfte der Apps auf meinem Handtelefon irgendwas mit Radio zu tun. Das Radio schickt mir was, und ich höre es mir an. Ganz privat.

Umso verstörender war jüngst eine Begegnung in der Straßenbahn. Eine Frau neben mir fängt zu telefonieren an, und ich denk mir: "Diese Stimme kenn ich." Nach zwei Stationen weiß ich, warum. Sie ist Radiojournalistin, und ich verfolge und schätze ihre Arbeit seit Jahren (den Sender verrate ich jetzt nicht). Ich warte, bis sie auflegt, um Ihr meine Hochachtung aufzudrän- . . . auszusprechen. Aber das Gespräch geht weiter. Es wird privater. Es geht um Gesundheit, Besuche beim Internisten, Befunde und Krankheitsbilder und dann - ist sie ausgestiegen. Und jetzt? Einerseits wünsche ich ihr gute Besserung. Andererseits: Ich wollt’ das gar nicht so genau wissen.




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Dokument erstellt am 2019-01-18 17:47:27
Letzte Änderung am 2019-01-21 10:50:30



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