• vom 23.01.2019, 09:00 Uhr

Glossen

Update: 23.01.2019, 09:28 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Dem Buben muss geholfen werden




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Geben wir den Endungen eine Chance! Auch wenn der Duden bereits ein Auge zudrückt und dem Sprachwandel vorauseilt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Es hängt wohl damit zusammen, dass ich wöchentlich an dieser Stelle etwas schreiben darf: Wenn in einer Zeitung ein sprachliches Unglück passiert, bekomme ich per Mail einen Hinweis. Letztens war es eine Schlagzeile aus der Gratiszeitung "Heute": "Retter bohren zwei neue Tunnel, um verschollenen Bub zu retten."

Nach der alten Schule ist dies ein Rechtschreibfehler. Die Frage lautet: Wen oder was retten? Und dekliniert wird so: 3. Fall: dem Buben; 4. Fall: den Buben. Es sollte also heißen:
". . .um den verschollenen Buben zu retten". Aber wenn ich "duden.de" aufrufe, lese ich, dass beides richtig sei. Auch die endungslose Variante sei zulässig: 3. Fall: dem Bub; 4. Fall: den Bub.

Eigentlich muss man ja froh sein, wenn österreichische Journalisten das bei uns gebräuchliche Wort "Bub" verwenden und nicht das Wort "Junge". Wobei unser Ausdruck ursprünglich drei Bedeutungen hatte: (a) männliches Kind (b) Trossbube, Diener, Knecht (c) Schelm, Spitzbube. Mitte des 18. Jahrhunderts vermerkte der österreichische Sprachwissenschafter Johann Siegmund Popowitsch, dass Bub in Österreich der Gegensatz zu Mädchen sei: "Allein man nennet nur gemeiner Leute Kinder Buben. Knaben heißen im Österreichischen ansehnlicher Eltern Söhne. Die Vornehmen heißen nur ihre eigenen Kinder männlichen Geschlechts Buben. Man sagt im Österreichischen ,ein schöner Bub‘, ,ein stiller (frommer) Bub.‘ Die Sachsen sprechen in diesem Verstande ‚ein Junge‘, und ,Bub‘ ist bei ihnen gemeiniglich so viel als ein Bösewicht. Von dieser Bedeutung kommen (. . .) eine Bubentat, ein Bubenstreich, ein Bubenstück, ein Spitzbub."

Nach meinem Sprachgefühl sollten wir ein männliches Kind nicht als "Bube", sondern als "Bub" bezeichnen: "Bub oder Mädel?", lautet die Frage bei der Geburt. Wenn ich "Bube!" höre, denke auch ich an Spitzbube. Dabei bin ich kein Sachse.

Was die zwei vom Duden angebotenen Deklinationsvarianten anlangt: Ich bin für "dem Buben, den Buben". So redet auch der Mundartsprecher: "Gib’m Buam an Zehna!" (Dativ). Oder: "Ea suacht sein’ Buam!" (Akkusativ). Auch die Kartenspieler reden so. "Warum stichst midn Buam und ned mid da Dam‘?" Die Mundart ist resistent gegenüber dem Sprachwandel.

Fakt ist, dass dieser Wandel unbeirrt voranschreitet. Den Endungen geht es an den Kragen. Bei anderen Substantiven wie "das Haus" ist das -e im Dativ bereits abgefallen. Wir fühlen, dass "dem Hause" altmodisch klingt, "dem Haus" ist die Normalform. Nur vom "Hause Habsburg" reden wir noch.

Wörterbuchredakteure beobachten die Sprachentwicklung. Wenn immer mehr Menschen "dem Bub" und "den Bub" schreiben und sagen, stehen sie vor einem Dilemma: "Das ist zwar nicht richtig, aber wenn es sich einbürgert, müssen wir es zur Kenntnis nehmen." Ich meine: Was immer der "Duden" sagt: Wir müssen ja nicht Vorreiter dieses Wandels sein. Wobei ich bei journalistischen Texten und vor allem bei Boulevardzeitungen geneigt bin, ein Auge zuzudrücken. Weil nur eine bestimmte Anzahl von Zeichen in eine Überschrift passt, kann es schon vorkommen, dass auf die Endung -en verzichtet wird. Das ist dann halt stark umgangssprachlich. Und modernistisch.





Schlagwörter

Sedlaczek am Mittwoch

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-22 16:47:32
Letzte Änderung am 2019-01-23 09:28:23



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Überflüssige Ski-WM
  2. Darf man Mark Twain beim Wort nehmen?
  3. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
  4. It was 100 Years ago today
  5. Fahrplan ohne Lesebrille
Meistkommentiert
  1. Diskriminierte Diskriminierer
  2. It was 100 Years ago today
  3. Ein wenig Rechtsbeistand kann nicht schaden
  4. Denkwerk Zukunftsreich
  5. Überflüssige Ski-WM

Werbung




Werbung