• vom 23.01.2019, 16:04 Uhr

Glossen

Update: 24.01.2019, 09:26 Uhr

Maschinenraum

Trauerspiel




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Von Walter Gröbchen

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  • Für Konsumenten ist der Zugang zu Musik sehr bequem geworden. Auf Kosten der Künstler und Labels.



Ich muss ja immer ein bisschen lachen, wenn ich als Mitglied der Musikindustrie wahrgenommen werde. Das passiert gelegentlich bei Podiumsdiskussionen, Szeneveranstaltungen oder einschlägigen Konferenzen, seltener im Stammbeisl. Dort hat man - da kann ich noch so oft im Fernsehen auftauchen oder in der Zeitung - längst kapiert, dass man mit einem Indie-Label, einem kleinen Musikverlag und einem Plattenladen kein Magnat, Millionär oder gar Großindustrieller ist. "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" - diese Karl Valentin zugeschriebene Lebensweisheit bringt mein Dasein auf den Punkt. Selbst die Leute, die in den lokalen Büros von Universal, Sony oder Warner sitzen, stöhnen gelegentlich. Wirklich Spaß macht es wohl nur in den Chefetagen der Headquarters in London oder New York, wenn die Gehaltsschecks betrachtet werden. Und die Boni-Mitteilungen für den guten Geschäftsgang. Aber ist der Geschäftsgang so positiv? Ohne die rituelle IFPI-Pressekonferenz vorwegnehmen zu wollen, wo der Dachverband der österreichischen Musikindustrie die Zahlen des vergangenen Jahres bekannt gibt: Grundsätzlich wurde der Turnaround geschafft. Nach einer langen Spanne des Niedergangs - man sehe sich die brutale Delle in der Statistik an! - legt das Geschäft mit Tonträgern und Digital-Files seit 2017 wieder zu. Geschuldet ist das zuvorderst dem Thema Streaming, also dem Abruf von Musik aus dem Netz. Egal, ob Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer, Amazon Music, Tidal - man bezahlt heute, so man denn etwas bezahlt, für den bequemen Zugang zu Musik, nicht für den Besitz.

Dass als handfeste Antithese auch der Verkauf von Schallplatten zugenommen hat, ist ein Nischen-Wunder, macht aber das Kraut nicht fett. Die CD ist tot - wird aber, dem Rieplschen Gesetz zufolge, nie ganz von der Bildfläche verschwinden. Und was waren nochmals genau Downloads? Wenn nun die Verknüpfung der Streaming-Funktionalität mit Alltags-Schnittstellen wie Google Home, Amazon Echo oder dem Apple HomePod weiter auf dem Vormarsch ist, dürfen wir Alexa & Co. glückstrunken um den Radetzkymarsch in höchster Lautstärke ersuchen? Nein. Denn viele Sorgen und Nöte der Musikindustrie sind ungelöst. Ich will dabei weniger zynisch und präziser in meiner Definition werden: "Industrie" schließt selbstverständlich Musikerinnen und Musiker, Autoren und Texter, Booker und Veranstalter, Manager, Musiklehrer und Medienmacher mit ein. Wussten Sie, dass die Vielzahl der winzigen Indie-Labels mehr österreichische Töne produziert und veröffentlicht als die transnationalen Major-Giganten? Und dass diese, gemeinsam mit ihren Künstlern, seit Jahr‘ und Tag um genug Brösel vom Kuchen kämpfen müssen, um nicht zu verhungern? Die österreichische Regierung hatte sich für ihre EU-Ratspräsidentschaft vorgenommen, im digitalen Zukunftsgeschäft für fairere Bedingungen für Kreative zu sorgen. Die Wege dahin sind umstritten, weitergegangen ist eher nichts. Die größte und reichste Streaming-Quelle von allen - YouTube - darf ungebrochen der Unfairness, Undurchsichtigkeit und parasitären Geschäftemacherei bezichtigt werden. Und wir alle spielen teils freudig, teils zähneknirschend mit. Ewig kann das so nicht weitergehen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-23 16:17:33
Letzte Änderung am 2019-01-24 09:26:35



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