• vom 26.01.2019, 11:00 Uhr

Glossen


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Gutes vom Schöpfer




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung. Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Zum Sachverhalt ist zu sagen, dass an der Existenz des Schöpfers definitiv keine Zweifel bestehen. Wer sich versündigt und widerspricht, möge zu mir in die Kirche kommen. Meine Kirche heißt in diesem Fall Küche, und gerade in Zeiten der Kälte - wir sprechen nicht von ihrer sozialen Ausformung, denn der gemeine Dauerfrost ist definitiv nicht sozial! - vollbringt der Schöpfer tagtäglich sein Werk.

    Zitter, bibber, brrr, buhu? Der Schöpfer ist für mich da. Er sorgt dafür, dass die Suppe vom Topf auf den Teller kommt. Suppe ist Balsam für die Seele und Quell der Erquickung, sie ist Energizer und Kraftlieferant, Brüder und Schwestern, ich sage euch, Ochsenschwanzsuppe ist mein Red Bull!

    Lasset uns über Suppe sprechen. Die sorgt zwar in Wirtshäusern mit schlechtem Leumund als dünner Aufguss mit drei letscherten Streifen von den Vortagspalatschinken, als lauwarmes Hendlwasser mit Instant-Leberknödel und Palmöl-Grießnockerl oder als hochkalorischer Obersbrei, nach dessen Einverleibung man als Bürohengst drei Tage lang auf dem Bau arbeiten muss, dafür, dass sich die Glaubensgemeinschaft immer häufiger aus der Küchenkirche zurückzieht. Die Suppe ist als Armeleuteessen zu Unrecht stigmatisiert, als vulgäre "Vorspeise" maximal auf die Rolle des kulinarischen Zuarbeiters reduziert und steht auch sprachwissenschaftlich unter dem Watschenbaum: Wer die Suppe auslöffeln muss, der hat den Salat - oder den Scherben auf. Selbstverständlich wird das Haar zudem in der Suppe gesucht und nicht im Buf bourguignon. Dabei hat man es einst schon im Hoamatland als Beinahe-Bauernregel in Groschen-und-Schilling-Manier vom Sticktuch auf der Wand abgelesen: "Wer die Suppe nicht ehrt, ist das Bratl nicht wert." Auf Suppenatheismus standen zwischen Hausruckviertel und Salzkammergut zehn Vaterunser!

    Spirituelle Erneuerung jetzt: Die böhmische Suppe nach Rezeptur meiner Oma mit Rindfleisch, Reibgerstl, Steinpilzen und frischem Schnittlauch bringt jeden Suppen-Kaspar und -Ketzer dazu, "Halleluja!" zu rufen, sein "Credo" zu erneuern und sich bedingungslos in den Dienst am Schöpfer zu stellen. Weihrauch, Myrrhe und Gold? Petersilie, Karotte und Sellerie! Opferlamm? Schermrippe! Die Suppe sei mit dir! Bun Bo Hue für alle! Suppen aller Länder! Endlich Kommunion!

    Meine Mutter sagt, ich hätte Nudelsuppe schon verschlungen, bevor ich sie noch aussprechen konnte - was mich bereits zum Schlussgebet führt. Der Suppentiger in mir hält es mit Molière, einem guten Mann aus dem 17. Jahrhundert, der schon damals wusste: "Ich lebe von guter Suppe und nicht von schöner Rede!"





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-25 13:14:38
    Letzte Änderung am 2019-01-25 13:47:36



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