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Update: 30.01.2019, 09:50 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Der Kalauer ist tot, es lebe der Flachwitz




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Eine neue Art von Sprachwitzen kursiert im Netz. Obwohl jeglicher Sinn fehlt, wird gelacht - mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Kennen Sie den? "Egal wie viel Curry du isst - Freddy ist Mercury." Oder den: "Was passiert, wenn man Cola und Bier mischt? Es kollabiert." Es könnte sein, dass Sie jetzt "Au weh!" schreien.

Wir haben es hier mit einer neuen Art von Sprachwitz zu tun. "Mehr Curry" klingt genauso wie der Name des Popsängers, die Wörter "Cola" und "Bier" werden zusammengehängt, wodurch ein Kollaps entsteht.


Inzwischen gibt es tausende solcher Witze. Auf den Witzeseiten im Internet fallen sie in die Kategorie "Flachwitze" - sie werden stärker frequentiert als die allseits bekannten "Beamtenwitze", "Sportlerwitze" etc. Nicht alle sind bar jedes Sinns. Es gibt Flachwitze, mit denen ich mich anfreunden kann. "Die Frau im Bioladen hat mir den Kopf Fair Trade." In diesem Fall passt das Gütesiegel für fair gehandelte Waren zum Wort "Bioladen".

Vielleicht werden Sie jetzt sagen: "Sind das nicht Kalauer?" Die wissenschaftliche Witzeforschung, auch das gibt es, ist sich nicht einig, ob "Flachwitz" ein anderes Wort für "Kalauer" ist oder ob der Ausdruck etwas Neues umschreibt. Die Experten in Calau, ein Ort in Brandenburg, wo die Kalauer entstanden sein sollen, sagen: Seit Jahrzehnten gibt es keine neuen, echten Kalauer mehr. Außerdem ist das Wort in Wirklichkeit eine Verballhornung von französisch calembour (dt.: Wortspiel). Erst in den 1860er Jahren stellte man einen Zusammenhang mit dem Ort Kalau her, wobei die Zeitschrift "Kladderadatsch" kräftig mithalf. Sie druckte Kalauer unter dem Titel "Aus Kalau wird berichtet" ab.

Auf der Website "Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache" sieht man, wann der Terminus "Flachwitz" entstanden ist: Ende der 1990er Jahre. Zwei Jahrzehnte später sind die Belege in die Höhe geschnellt, gleichzeitig ist der "Kalauer" abgestürzt.

Ich halte "Flachwitz" trotzdem für einen neuen Oberbegriff. Denn Kalauer sind streng genommen nur Witze mit zwei unterschiedlichen Wörtern, die gleich klingen. Da passen viele Flachwitze nicht hinein. "Egal wie gut du fährst, die Bahn fährt Güter." Oder: "Was liegt am Strand und redet undeutlich? Eine Nuschel." Und noch einer: "Was ist das Gegenteil von Reformhaus? - Reh hinterm Haus."

Flachwitze sind so kurz wie möglich, sie werden ins Netz getippt und verlinkt. Manche funktionieren nur schriftlich, man kann sie nicht erzählen: "Was macht ein Mathematiker auf dem Pissoir? - ."

Kalauer hatten den Ruf, schlechte Witze zu sein. Das sagt man auch den Flachwitzen nach. Und manche sind wirklich schlecht. "Was ist braun und fährt die Piste herunter? Ein Snowbrot." Hier wird eventuell nur deswegen gelacht, weil es nichts zu lachen gibt.

Für Sigmund Freud waren Kalauer die kindliche Art des Verstehens.
Er sah in ihnen "eine große Erleichterung der psychischen Arbeit",
weil es ursprünglich jedem Menschen näher liegt, "sich an den Klang statt an den Sinn zu halten".

Heinrich Böll hat in "Die Ehre der Katharina Blum" seine Hauptfigur am Ende der Erzählung kalauern lassen: "Dieser Kerl wollte bumsen - und ich dachte: Gut, jetzt bumst’s." Dann fiel der gewissenlose und sexuell aufdringliche Zeitungsschreiberling tödlich getroffen zu Boden.




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Dokument erstellt am 2019-01-29 16:23:42
Letzte Änderung am 2019-01-30 09:50:41



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