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Update: 31.01.2019, 11:05 Uhr

Maschinenraum

Radiobeschallung im Wartezimmer




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Von Walter Gröbchen

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  • Ab April wird Radio landesweit auch digital zu empfangen sein - ohne Beteiligung des ORF. Hat das Zukunft?



"Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." So lautet die populäre Abwandlung eines Zitats von Victor Hugo. Was aber, wenn die Idee stark scheint, ihre Zeit aber nie kommt? Diese Frage könnten Skeptiker durchaus in den Raum stellen, wenn es um das Thema DAB+ geht. Sprich: Digital Audio Broadcasting nach aktuellem technischem Standard. Das Kürzel steht für den offensiven Bruch mit dem alten analogen Dampfradio, das über Ultrakurzwelle in unsere Empfänger, HiFi-Tuner, Küchen- und Autoradios gelangt. Das war viele Jahrzehnte über so. Und es gab, sieht man von der limitierten Zahl tragfähiger Sendefrequenzen ab, wenig Grund, sich den Kopf über Alternativen zu zerbrechen.

Freilich aber wäre eine analoge Insel in einem längst strikt digitalen technischen Umfeld - von der Telefonie bis zum drahtlosen Internet, vom Fernsehen bis zum Flugfunk - ein undenkbares Kuriosum. Oder doch nicht? Jedenfalls wogt seit Jahr und Tag die Diskussion: Wann wird das analoge Signal abgeschaltet? Und wie funkt das Radio der Zukunft? Hier haben sich unterschiedlichste Fraktionen positioniert. Die Lobbyisten von DAB+ - allen voran die Unterhaltungselektronikindustrie, die ein Millionengeschäft wittert - pochen auf ihre Vorreiterrolle. Die Betreiber gut eingeführter Sendermarken, darunter der öffentlich-rechtliche ORF und die privaten "Kronehit"-Eigner, sehen keine Notwendigkeit, ihr Platzhirschendasein durch weitere Konkurrenten und notwendige Investitionen zu gefährden. Technisch versierte Fachleute stellen wiederum das leicht angegraute DAB+-Konzept grundsätzlich in Frage: Längst wäre ja das World Wide Web die universelle Plattform für die Übermittlung aller denkbaren Medieninhalte. Die Auflistung der evidenten Vor- und Nachteile jeder Technologie bringt leider keine eindeutige Argumentationsbasis.


Und der Konsument? Kriegt kaum etwas mit von dieser Debatte. Würde man den sprichwörtlichen kleinen Mann auf der Straße fragen, wie er es fände, wenn sein UKW-Radio schlagartig nicht mehr funktioniert (oder nur mehr via technischer Krücken), kann man sich die Antwort denken. Wobei: Gänzlich uninteressiert - ich sammle ja gern spontanes Crowd-Feedback auf Facebook - ist das Publikum nicht. Und sei es als willkommene Ergänzung zum analogen Spektrum. "Weil es mit Technikum City einen tollen Jazzsender gibt", so ein Hörer. "Man kann trotzdem nur hoffen, dass das nicht der Anfang vom Ende für UKW ist - wie bereits in einigen Ländern beschlossen." Tatsächlich hat das EU-Parlament gerade erst ein Fanal gesetzt: Neuwagen dürfen nur mehr mit DAB+-fähigen Autoradios ausgeliefert werden.

Mein persönlicher Standpunkt? Unentschieden. Ab April werden elf Stationen österreichweit via DAB+ zu empfangen sein. Ö1, Ö3 und FM4 sind nicht darunter, Radio Maria reizt mich - Himmelherrgott nochmal! - nicht. Trotzdem werde ich hineinhören in das Angebot, das durch den Testbetrieb in Wien eh schon weitgehend bekannt ist. Mit einer disruptiven, ja explosionsartigen "Verbreiterung der Programm- und Meinungsvielfalt im Radio" (Behördenleiter Michael Ogris) ist nicht zu rechnen. Was, wenn endlich die Zeit für eine Idee gekommen ist, sie sich aber als zu schwach erweist?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-30 16:38:47
Letzte Änderung am 2019-01-31 11:05:42



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