• vom 03.02.2019, 11:00 Uhr

Glossen


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Plastik aus der Pop-Steinzeit




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Von Gerald Schmickl


    Retro-Medium zum "Anbandeln": Gerald Schmickls Blick in die glorreichen Zeiten der Cassette . . .

    Retro-Medium zum "Anbandeln": Gerald Schmickls Blick in die glorreichen Zeiten der Cassette . . . Retro-Medium zum "Anbandeln": Gerald Schmickls Blick in die glorreichen Zeiten der Cassette . . .

    Wie dramatisch die Lage der Musikindustrie ist, belegten diese Zahlen kürzlich mehr als deutlich: Der Spitzenreiter der renommierten US-Albumcharts "Billboard 200" – der Rapper A Boogie wit da Hoodie – verkaufte nicht mehr als 823 Alben, um diese Position zu erreichen. Aber nicht einmal das waren physische Tonträger, sondern digitale Downloads. Der Rest waren Audiostreams – rund 83 Millionen, die zu Albenäquivalenten hochgerechnet wurden und mit den lächerlichen "vollen" Albenverkäufen zusammengerechnet (zu 57.000 "Einheiten") den ersten Rang ergaben.

    Nun sind Rap- und Hip-Hop-Produktionen traditionellerweise Stream-konzentriert, aber selbst ein Rock-Oldie als erstaunliche Nummer 10 der Charts, nämlich ein "Greatest Hits"-Album von Queen (wohl beflügelt durch den Filmerfolg von "Bohemian Rhapsody"), hat es in besagter Woche nur auf 8000 verkaufte Alben in den USA gebracht. Da werden wohl auch ein paar – wie wir Traditionalisten sagen – "echte Platten" dabei gewesen sein, also CDs oder Vinyl, die mittlerweile beide gleichermaßen als Retro-Medium gelten, wobei Vinyl immerhin wieder als schick gilt. Was ich gar nicht nachvollziehen kann, war ich doch einst heilfroh, als die riesigen, unhandlichen Erdölscheiben mit ihrer beschränkten Spieldauer von den kleinen Silberlingen abgelöst wurden.

    Wirklichen Retro-Chic hat für mich hingegen die Musikcassette (die ich – aus ästhetischen Sturheitsgründen – beharrlich mit C schreibe), die sich erstaunlicherweise (aber was wundert einen schon wirklich in diesen volatilen Zeiten) auch wieder gesteigerter Beliebtheit erfreut. Immer öfter sieht man bei Konzerten auf den sogenannten Merch(andising)ständen neben CDs und Vinylplatten die kleinen viereckigen Plastikgehäuse liegen, worin sich die aufgespulten Bänder als Tonträger befinden. (Das US-Label Old Flame Records – das Traditionelle schon im Namen eingebrannt! – hat 2014 anlässlich der ersten US-Tour der Wiener Band Sex Jams ein limitiertes "Hits"-Tape herausgebracht!).

    Nun ist dieses Produkt aus der gefühlten Pop-Steinzeit gerade einmal 56 Jahre alt: Philips hat 1963 die ersten Cassetten auf den Markt gebracht. Und 20 Jahre später haben die (mittlerweile dank Dolby rauschreduzierten) Minitonbänder den bis dahin führenden Schallplatten den Rang abgelaufen. Kein Wunder – sie waren mittels Walkman transportabel und ortsungebunden und man konnte bis zu 45 Minuten Musik pro Seite aufnehmen (und abspielen).

    Vor allem war man sein eigener Tonregisseur, indem man selbst Musikauswahlen zusammenstellen konnte (die – zum buchstäblichen Anbandeln beliebten – "Mix Tapes"). Leider werden Leercassetten kaum mehr hergestellt (außer in Indonesien) – und schon gar nicht in solcher Länge und Spieldauer, dass ich etwa meine jährlichen Songsammlungen (die drei bis vier Stunden dauern) darauf unterbrächte. So bleiben mir zum "Anbandeln" nur Sticks und Daten-DVDs, deren Sexyness sich im Vergleich zur catchy Cassette in Grenzen hält.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-31 14:47:54
    Letzte Änderung am 2019-02-01 15:32:49



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